Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/811/
§. 33. 
PRIPiCIPIEN DER EMPIRISTISCHEN ERKLÄRUNGEN. 
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Eindrücke nur behalten, wenn wir durch fortwährende Augenbewegungen die 
Ausbildung scharf gezeichneter Nachbilder vermeiden, drittens, dass wir an 
einer ausgedehnten Fläche von gleiclnnässiger Beleuchtung alles deutlich gesehen 
haben, was an ihr deutlich zu sehen ist, wenn wir alle Theile ihres Umfangs 
deutlich gesehen haben. Daraus ergiebt sich, dass wir beim normalen Gebrauche 
der Augen beide Blicklinien auf den Punkt richten, der gerade unsere Aufmerk¬ 
samkeit in Anspruch nimmt, und die Augen für ihn accommodiren, dieselben 
aber niemals längere Zeit unbewegt lassen, was auch dem eigenthümlichen 
Bewegungstriebe unserer Aufmerksamkeit nicht entsprechen würde, vielmehr 
den Blick namentlich an den Contouren der gesehenen Objecte entlang laufen 
lassen. 
Daraus folgt die gewohnheitsmässige Verbindung der Bewegungen beider 
Augen miteinander und mit der Accommodation; eine Gewohnheit, gegen die 
so schwer anzukämpfen ist und die doch jeden Augenblick durch willkührliche 
Anstrengung überwunden werden kann, wie oben gezeigt wurde, wenn man 
die Augen allmälig unter Bedingungen bringt, wo nur mittels ungewöhnlicher 
Verbindungen die Zwecke des Sehens erreicht werden können. Daraus folgt 
ferner die Schwierigkeit, den Blick längere Zeit gegen die eingeübte Gewohnheit 
auf einem Punkte festzuhalten, daraus der grosse Einfluss hervortretender Con- 
toure auf unsere Aufmerksamkeit und auf die Bewegung unseres Blicks; daraus 
auch weiter, dass unsere Aufmerksamkeit so schwer zu einer genaueren Ana¬ 
lyse der Erscheinungen des indirecten Sehens, des blinden Flecks, der Doppel- 
fcilder und so weiter, festzuhalten ist, indem wir gewohnheitsmässig sogleich 
unseren Blick auf die die Aufmerksamkeit beschäftigenden Stellen hinzuwenden 
streben. Daher wir denn auch hauptsächlich wegen der gewohnheitsmässig 
eintretenden Augenbewegungen selbst die stärker auseinander weichenden 
Doppelbilder der vor uns befindlichen Gegenstände nicht zu sehen pflegen und 
sie eben desshalb vielen, selbst erwachsenen Leuten unbekannt bleiben. 
Dass die Verbindung zwischen der Raddrehung jedes einzelnen Auges und 
der Richtung der Gesichtslinie unter dieselbe Kategorie fällt, dass sie unter 
abgeänderten Bedingungen des Sehens zu Gunsten der optischen Zwecke selbst 
abgeändert werden kann, habe ich oben gezeigt und versucht die Sicherheit 
der Orientirung, vermöge deren wir die unveränderte Lage ruhender Gegenstände 
trotz der Verschiebungen ihres Bildes auf der Netzhaut erkennen, als denjenigen 
Zweck nachzuweisen, der durch die Erfüllung des Listing’scheu Gesetzes für 
unsere Augenbewegungen so weit als möglich erreicht wird. 
Da nachweisbar zu Gunsten von optischen Zwecken von allen diesen 
Gesetzen der Augenbewegungen Ausnahmen unter dem Einflüsse willkührlicher 
Anstrengung eintreten können, so können diese Gesetze nicht auf mechanisch 
wirkende anatomische Einrichtungen begründet sein; andererseits halte ich es 
nicht für unmöglich, sondern sogar für wahrscheinlich, dass das Wachsthum 
der Muskeln und vielleicht selbst die Leitungsfähigkeit der Nervenbahnen sich 
den Forderungen, die an sie gemacht werden, im Laufe jedes individuellen 
Lebens und vielleicht selbst durch Vererbung im Laufe des Lebens der Gattung 
so anpasst, dass die geforderten zweckmässigsten Bewegungen auch die
        

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