Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/786/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§. 32. 
Man könnte auch daran denken, dass die Erregung der Netzhauttheile*längs 
einer Grenze von Weiss und Schwarz lebhafter sei, so oft durch die Bewegun¬ 
gen des Auges Elemente der Netzhaut aus dem Schwarz in das Weiss rücken. 
Diese ausgeruhten Elemente würden allerdings stärker erregt werden, als die 
schon länger von Weiss getroffenen. Indessen glaube ich nicht, dass dieser 
Umstand hier wesentlich in Betracht kommt, weil wir bei den oben beschrie¬ 
benen Versuchen die Richtung der Augenbewegungen ohne entscheidenden Einfluss 
gefunden haben, und weil die Contoure in den Doppelbildern sich auch gleich 
heim ersten Aufschlag der Augen geltend machen, wo noch keine Nachbilder 
entwickelt sein können. 
Panum’s Annahme dagegen, dass die Contoure an und für sich die Netzhaut 
stärker erregen, scheint mir durch keine einzige sichere Thatsache unterstützt 
und zur Erklärung der hier vorliegenden Erscheinungen gänzlich unnöthig zu 
sein. Bei den Contrasterscheinungen haben wir allerdings gesehen, dass der 
Unterschied der Beleuchtung oder Färbung zweier Felder längs einer Contour, 
wo beide zusarnmenstossen, stärker hervortritt als wenn beide von einander ge¬ 
trennt sind, und sogar relativ zu gross erscheint. Wenn wir aber von den 
Nachbildern absehen, so lassen sich die Erscheinungen des simultanen Contrastes 
darauf zurückführen, dass wir besser geübt und sicherer sind in der Verglei¬ 
chung der Beleuchtung zweier neben einander liegenden Netzhautpunkte, welche 
bei den Bewegungen des Auges viel häufiger unmittelbar hinter einander von 
derselben Beleuchtung getroffen werden, als dies bei entfernteren der Fall ist. 
Dass uns ein solcher Unterschied relativ zu gross erscheint und dadurch dann 
Irrthümer in der Beurtheilung der Färbungen entstehen, entspricht der allgemei¬ 
nen Regel, dass wir überhaupt deutlich wahrnehmbare Unterschiede für grösser 
zu halten geneigt sind, als undeutlich wahrnehmbare. Man könnte einen solchen 
deutlicher wahrnehmbaren Unterschied vielleicht als einen stärkeren psychischen 
Reiz bezeichnen, und es mag zum Theil darin begründet sein, dass er die 
Aufmerksamkeit stärker zu fesseln strebt. Einen stärkeren Nervenreiz dabei 
anzunehmen, vorausgesetzt, dass Nachbilder vermieden werden, sehe ich keinen 
Grund. 
Aehnliche Erscheinungen des Wettstreits treten nun auch ein, wenn beiden 
Augen verschiedenfarbige oder verschieden erleuchtete Felder dargeboten wer¬ 
den. Wenn man durch zwei verschiedenfarbige Gläser von lebhaften Farben, 
zum Beispiel mit dem rechten Auge durch ein rothes, mit dem linken durch 
ein blaues Glas, welche ungefähr gleiche Helligkeit haben, nach den äusseren 
Objecten sieht, so erblickt man diese fleckig roth und blau und zwar so, dass 
die Farben oft wechseln. Der unruhige sonderbare Farbenwechsel ist anfangs 
meist am lebhaftesten, bald stumpft sich die Empfindlichkeit für die Farben ab 
und das Aussehen wird dann ein ruhigeres in einer unbestimmten mehr grauen 
Farbe, welche noch stellenweise und zeitweise zwischen einem röthlichercn oder 
blaueren Tone wechselt, und welche manche Beobachter für die Misch¬ 
farbe aus den beiden vereinigten, also in diesem Falle für Rosa erklären. Ich 
selbst muss sagen, dass ich trotz vieler und mannichfach veränderter Versuche 
in keinem Falle die Mischfarbe mit einiger Evidenz habe sehen können. Zum
        

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