Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/785/
WETTSTREIT DER CONTOURE. 
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§• 32. 
Sehfelder zu, dass sie durch geeignete Methoden au die allerschwächsten Sin- 
neseindriicke gefesselt werden kann, während die allerstärksten im anderen 
Sehfelde sie abzulenken streben. Natürlich ist dabei desto grössere Anstrengung 
nöthig, je ungünstiger das Verhältnis der Stärke für die beachteten Ein¬ 
drücke ist. 
Da wir nun übrigens, wie die oben beschriebenen Versuche mit momen¬ 
taner Beleuchtung deutlich zeigen, im Stande sind gleichzeitig eine gewisse 
Anzahl von Gegenständen zu beachten und dadurch einen gewissen Theil des 
Sehfeldes auszufüllen, so wird auch hierbei im Allgemeinen zu erwarten sein, 
dass sich zunächst das Gesichtsfeld füllt mit denjenigen Objecten, die den stär¬ 
keren Eindruck machen, oder dass bei gleich starken Reizen in beiden Sehfel¬ 
dern ein Schwanken eintritt, oder ein Suchen nach einem zusammenhängenden 
und verständlichen Eindrücke, wobei denn nicht nothwendig immer im ganzen 
Gesichtsfelde nur der Eindruck des einen Auges vorzuherrschen braucht. Cha¬ 
rakteristisch für dieses Suchen nach einem verständlichen Eindrücke ist auch 
das fortdauernde Schwanken der Blicklinien. Es ist kaum möglich, die beiden 
Bilder in gleicher Lage dauernd in Deckung zu halten. 
Etwas Anderes ist es, wenn sich die beiden verschiedenen Bilder als sinn¬ 
liches Zeichen eines äusseren Objects betrachten lassen, dann wendet sich die 
Aufmerksamkeit sogleich der Wahrnehmung von diesem zu, ohne der Ver¬ 
schiedenheit der beiden Netzhautbilder zugelenkt zu werden. 
Was nun den merkwürdigen Einfluss der Contoure in dem Wettstreit der 
Sehfelder betrifft, so bin ich ebenfalls der Meinung, dass derselbe im Wesent¬ 
lichen auf psychischer Gewöhnung beruht. Erwägen wir nämlich, in welcher 
Weise unser Auge das Gesichtsfeld zu durchmustern hat, um eine vollständige 
Kenntniss desselben zu erhalten, so ist klar, dass es ganz unnütze Mühe sein 
würde, dasselbe nach einander auf alle einzelnen Punkte einer ausgedehnten 
gleichmässig beleuchteten Fläche richten zu wollen; wir würden dadurch nichts 
weiter erkennen. Es genügt vielmehr den Blick über die Grenze der Fläche 
hinzuführen und auf alle diejenigen einzelnen Punkte zu richten, die sich von 
der Fläche abheben. Sobald dies geschehen ist, haben wir eine so genaue 
Kenntniss von der Fläche, als das Auge uns geben kann. Es sind deshalb nament¬ 
lich die im indirecten Sehen sichtbaren Contoure, denen wir bei der Durch¬ 
musterung des Gesichtsfeldes erst unsere Aufmerksamkeit und dann unsern 
Blick zuzuwenden haben. Es ist bekannt, wie schwer es ist, einen kleinen 
Gegenstand der im indirecten Sehen nicht bemerkt wird, auf einer ausgedehn¬ 
ten hellen Fläche aufzuflnden; bezeichnend nennt zum Beispiele Goethe die 
Lerche „im blauen Raum verloren“. Andererseits zieht .ein etwas grösserer 
und auch für das indirecte Sehen hinreichend scharf gezeichneter Gegenstand 
unmittelbar unseren Blick auf sich, und wenn man sich selbst bei der Betrach¬ 
tung eines noch unbekannten Objects beachtet, wird man leicht bemerken, wie 
man mit dem Blicke den Contouren folgt, Gewöhnung und Uebung müssen also 
nothwendig dahin wirken, unsere Aufmerksamkeit den Contouren zuzuwenden. 
Auch bei den Contrasterscheinungen habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie 
die Contoure namentlich in das Gewicht fallen,
        

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