Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/782/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§. 32. 
liier keine gleichmässige Kreuzung der Linien in dem Gesammtbilde, wodurch ein 
ähnliches Linienmuster, wie das der Fig. W derselben Tafel, sich zusammensetzen 
würde; sondern man sieht meist eine ungleichmässige Mischung beider Muster, so 
dass an einzelnen Stellen des Feldes das eine, an anderen das andere vorherrscht, 
wobei diese Stellen selbst übrigens einem fortdauernden Wechsel unterworfen 
sind. Die schwarzen Quadrate in der Mitte der Felder sollen als Fixations¬ 
zeichen dienen, wenn der Beobachter eine unveränderte Lage beider Felder über 
einander zu erhalten wünscht. Ohne einzelne correspondirende und stark her¬ 
vorstechende Theile der Figur ist dies sonst gar nicht möglich, vielmehr schwan¬ 
ken die Blicklinien dann fortdauernd zwischen verschiedenen Graden der Con- 
vergenz hin und her. 
Zuweilen tritt auch wohl in ganzer Ausdehnung der Fläche das eine System 
allein für kurze Zeit auf. Auch hier finde ich, dass ich vollkommen willkühr- 
lich im Stande bin, meine Aufmerksamkeit bald dem einen, bald dem anderen 
Liniensysteme zuzuwenden, und dass dann dieses System für einige Zeit allein 
gesehen wird und das andere vollkommen verschwindet. Dies geschieht zum 
Beispiel, wenn ich versuche die Linien erst des einen und dann des anderen 
Systems zu zählen. Ich finde ferner, dass dieses Beachten des einen Linien¬ 
systems auch nicht von bestimmten Augenbewegungen abhängig ist; denn ich 
kann meinen Blick sowol an den Linien, auf die ich achte und die ich sehe, 
entlang gleiten lassen, als auch rechtwinkelig gegen ihre Richtung und also pa¬ 
rallel der Richtung des anderen Systems fortführen, so dass ich von einer Linie 
zur anderen gehe, ohne dass ich aufhöre, nur das System zu sehen, welches 
ich sehen will. Aber allerdings finde ich, wie Wunut, dass es leichter ist, 
das Bild derjenigen Linien festzuhalten, deren Richtung man mit dem Blicke 
folgt; in der That ist dies auch die gewöhnliche Art unsere Aufmerksamkeit 
einer Linie zuzuwenden, dass wir den Blick an ihr entlang laufen lassen, und 
indem wir die Bewegung unserer Augen absichtlich nach der Linie richten, 
sind wir auch sicher, unsere Aufmerksamkeit an die Linie zu fesseln. 
Es ist aber allerdings schwer, die Aufmerksamkeit längere Zeit an eines 
der Liniensysteme von Fig. 2/4 zu fesseln, wenn man nicht damit irgend einen 
bestimmten Zweck verbindet, der eine fortdauernde active Thätigkeit der Auf¬ 
merksamkeit bedingt, wie eben das Zählen der Linien oder die Vergleichung 
ihrer Zwischenräume und so weiter ist. Ein anhaltender Ruhezustand der Auf¬ 
merksamkeit ist ja auch unter anderen Verhältnissen kaum für einige Zeit zu 
unterhalten. Der natürliche ungezwängte Zustand unserer Aufmerksamkeit ist 
herumzuschweifen zu immer neuen Dingen, und so wie das Interesse eines Ob¬ 
jectes erschöpft ist, so wie wir nichts Neues mehr daran wahrzunehmen wissen, 
so geht sie wider unseren Willen auf anderes über. Wollen wir sie an ein 
Object fesseln, so müssen wir eben an diesem selbst immer Neues zu finden 
suchen, besonders wenn andere kräftige Sinneseindrücke sie abzulenken stre¬ 
ben. Durch diese Eigentümlichkeit unserer psychischen Thätigkeit erklären sich, 
wie mir scheint, die oben beschriebenen Thatsachen. 
Die letztgenannten Versuche kann man vielfach variiren; wenn man zum Bei¬ 
spiel das quadratische Muster der Fig. IF, Taf. XI, mit einem danebengelegten Blatte
        

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