Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/743/
§. 31. 
VERSCHMELZUNG DER DOPPELBILDER. 
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Dann aber wieder kann ich meine Aufmerksamkeit der Erscheinung im 
Gesichtsfelde zuwenden, und werde nun Verschiedenheiten der beiden Bilder 
bemerken können, die ich vorher übersah ; dabei wird sich aber die Wahrneh¬ 
mung der Tiefendimension ebenso aufdrängen können und mich verleiten, sehr 
kleine Verschiedenheiten der beiden Ansichten des Körpers zu übersehen, wie 
die Wahrnehmung der wirklichen Gestalt des Würfels mich vollständig hindern 
kann sehr kleine perspectivische Verziehungen seiner Flächen zu erkennen. 
Im einen, wie im andern Falle handelt es sich darum, die Verschiedenheit ge¬ 
wisser Raumgrössen im Gesichtsfelde zu erkennen, welche wir erfahrungsmässig 
als den sinnlichen Ausdruck gleicher Grössen im objectiven Raume kennen, nur 
dass einmal die beiden zu vergleichenden Grössen in den beiden verschiedenen 
Sehfeldern liegen, im anderen Falle beide in demselben Gesichtsfelde. 
Wenn ich übrigens in den Fig. H und J die Tiefendimensionen zur An¬ 
schauung zu bringen suche, so gelingt dies am besten, wenn ich den Blick 
vom einen zum anderen Ende der Tiefendistanz wandern lasse. Aber es ge¬ 
lingt auch, wenn gleich weniger lebhaft bei festgehaltenem Blicke, und zwar 
finde ich an den von Zeit zu Zeit auftauchenden Doppelbildern, dass ich dann 
so fixire, dass die Mitte der linken Figur auf die Mitte der rechten fällt und 
beide Verticallinien des Gesammtbildes in Doppelbildern erscheinen. Es ist 
dies die Stellung, welche die geringsten Distanzen sämmtlicher Doppelbilder 
giebt. 
Uebrigens wird das Sehen der Doppelbilder erleichtert, wenn man irgend 
welche, oft selbst sehr unbedeutende Incongruenzen in den beiden zu vereinigen¬ 
den Bildern anbringt, welche der Deutung, als gehörten sie beide ein und 
demselben räumlichen Objecte an, widersprechen. So braucht man, wie Volk¬ 
mann gezeigt hat, in der Fig. E nur eine Hälfte einer der Linien mit einem 
weissen Blatte zu verdecken, oder zwei Horizontallinien in verschiedener Höhe 
in den Zwischenräumen der beiden Paare von Verticallinien zu ziehen, so dass 
sich H ähnliche Figuren bilden, deren Querstriche aber verschieden hoch liegen. 
Oder man mache, wie in Fig. P, Taf. IX das eine Linienpaar schwarz auf wcissem 
Grunde, das andere weiss auf schwarzem Grunde, wodurch die stereoskopische Ver¬ 
einigung erschwert, wenn auch nicht unmöglich gemacht wird. In Fig. G, Taf. VII 
sind die Linienpaare der Fig.E copirt und nur zwei Punkte hinzugefügt, welche gleiche 
Entfernung von der links liegenden Linie jedes Paares haben, wobei aber der eine 
innerhalb, der andere ausserhalb der rechten Linie fällt. Vereinigt man die beiden 
Punkte, indem man sie fixirt, so erscheinen die daneben liegenden beiden Linien 
sogleich getrennt, denn da die eine rechts, die andere links von dem fixirten 
Punkte sich befindet, so ist dies ein viel auffallenderer Unterschied, als wenn 
sie beide an derselben Seite des Fixationspunktes, und nur verschieden weit 
entfernt lägen. Aber auch, wenn man nicht den Punkt, sondern die linke 
Linie des Gesammtbildes fixirt, erscheint der Punkt einfach, während die schein¬ 
bar hinter ihm durchgehende rechte Linie jetzt ziemlich leicht als doppelt er¬ 
kannt wird. Es drängt sich hier die Wahrnehmung auf, dass die rechte Linie 
der linken ein Mal näher als der Punkt erscheint, und ein Mal ferner, und wir 
erkennen nun, dass der Punkt beide Male gleich weit von der linken Linie ent-
        

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