Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/736/
724 DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. §. 31. 
Hiermit stimmt es ferner überein, dass Herr E. Hering1, dessen Angen 
eine sehr geringe Abweichung der scheinbar verticalen Meridiane haben, erklärt, 
dass er die ferneren Theile der Fussbodcnfläche mit zwei Augen nicht anders 
als bei monocularer Betrachtung sehe. 
Wie wesentlich die richtige Wahrnehmung des Reliefs der Bodenfläche 
beim Gehen ist, ist ersichtlich. Meistens gehen wir vorwärts, ohne die Boden¬ 
fläche direct anzusehen, und bleiben doch genügend unterrichtet über die kleinen 
Unebenheiten ihrer Form. Wie sehr selbst eine ganz kleine scheinbare Ver¬ 
schiebung des Bildes der Bodenfläche stören kann, habe ich neuerdings noch 
vielfältig erfahren. Wegen eines geringen Grades von Kurzsichtigkeit trug ich 
bei einer Gebirgsreise eine Concavbrille (Nasenklemmer) mit ganz schwachen 
Gläsern (36 Zoll Brennweite), um die Fernsichten besser zu sehen. Die Gläser 
habe ich so abschleifen lassen, dass ihre optischen Centra gleich weit von ein¬ 
ander stehen, wie'meine Augen, so dass ferne Objecte, durch die Centra der 
Brille gesehen, keine sichtliche Tiefenverschiebung erleiden, wie dies geschieht, 
wenn die Centra der Gläser einander zu nahe stehen. Dennoch ist eine kleine 
Verschiebung der durch die unteren Theile der Gläser gesehenen Objecte da, 
weil die Axen der beiden Gläser durch die sie verbindende Feder nicht ganz 
genau parallel gehalten werden, und wenn ich genau auf den Fussboden achte, 
so scheint dieser dicht vor meinen Fiissen eine kleine ansteigende Wölbung zu 
haben, die von einer falschen stereoskopischen Wirkung der Gläser herrührt. 
Obgleich dies so schwach ist, dass es nur bei aufmerksamer Betrachtung be¬ 
merkt werden kann, macht mir dieser Umstand es unmöglich, die Brille zu ge¬ 
brauchen, wenn ich schnell steile steinige Gebirgswege hinabgehen will, wo es 
noting ist, den Fuss ganz sicher zu setzen, und die Zeit fehlt, jeden Stein, auf 
den man treten will, einzeln zu betrachten und seine Entfernung zu schätzen. 
Trotzdem ich durch die Brille die Steine etwas schärfer sehe, als mit blossen 
Augen, gehe ich sicherer ohne die Brille. Es war mir dies ein auffallender 
Beweis für die Genauigkeit und Schnelligkeit, mit der die eingeübte Association 
zwischen Sinnescmpfmdungen und Bewegungen eintritt. 
Mit der Veränderung dos Reliefs bei veränderter Kopfhaltung scheint mir 
auch die scheinbare Veränderung der Farben der Landschaft zusammenzuhängen, 
die dabei eintritt. So lange wir ihre Tiefendimensionen deutlich wahrnehmen, 
sind die Veränderungen der Farben der Objecte durch die zwischengelagerte 
Luft die natürlichen und gewohnten Attribute der Ferne, die uns daher nicht 
als solche auffallen. Sobald wir aber die Wirkung des Reliefs zerstören durch 
Umkehrung des Kopfes oder Umkehrung des Bildes und die Landschaft als ebe¬ 
nes Bild sehen, so wird unsere Aufmerksamkeit auf die Farben hingelenkt. Auch 
bei monocularer Betrachtung der Landschaft ist noch ein geringer Unterschied 
da, wenn man erst aufrecht und dann unter dem Arme durchsieht, der mir da¬ 
von herzuriihren scheint, dass der obere Thcil der Netzhaut gegen das Grün 
des Bodens, der untere gegen das Blau des Himmels ermüdet ist, und deshalb 
die Farben etwas lebhafter werden, wenn sie auf neue Stellen der Netzhaut 
1 Beiträge zur Physiologie. Heft ö, S. 355. Dass mir die Fussbodcnfläche nicht, wie er aus seiner Theorie 
schliesst, als eine verticale Ebene erscheint, brauche ich wohl kaum zu versichern.
        

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