Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/710/
698 DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. §. 31. 
Gesichtsfelde sich decken. Ich nenne solche Punkte Deckpunkte oder cor- 
respondirende Punkte; man hat sie auch, einer besonderen theoretischen 
Auffassung zu Liebe, identische Punkte genannt. Da jedem Punkte jedes 
Sehfeldes ein Netzhautpunkt entspricht, so kann man auch von Deckpunkten, 
correspondirenden oder identischen Punkten der beiden Netzhäute 
reden. Punkte, welche einander nicht correspondiren, nenne ich mit Fechnfr 
disparat. 0 
1. Die Blickpunkte der beiden Sehfelder normaler Augen sind 
Deckpunkte. Der Blickpunkt jedes Sehfeldes entspricht der anatomisch aus¬ 
gezeichneten Stelle der Netzhaut, der Mitte der Fovea centralis, der Stelle des 
deutlichsten Sehens. Der Blickpunkt ist der flxirte Punkt des Gesichtsfeldes. 
Mit dem ausgesprochenen Satze gleichgeltend ist es also auch zu sagen, der 
flxirte Punkt des vor uns liegenden Raumes werde stets einfach gesehen, und 
ein Objectpunkt, der sich auf den beiden Centren der Netzhautgruben abbilde, 
werde einfach gesehen. 
Es ist dies ein Satz, der sich bei allen Beobachtungen normaler Augen 
bestätigt, von gewissen Fällen des Schielens, wo er Ausnahmen erleidet, werden 
wir unten handeln. 
Wenn wir nach dem Grunde dieses Verhaltens fragen, so kommen wir auf 
die viel besprochene Frage, warum wir mit zwei Augen doch einfach sehen. 
Wenn man die Siunesempfindungen einfach als Zeichen ansieht, deren Deutung 
erlernt werden muss, so bietet die Beantwortung keine besondere Schwierigkeit. 
Fast alle äusseren Objecte afficiren gleichzeitig verschiedene Nervenfasern unseres 
Körpers und bringen zusammengesetzte Sinnesempfindungen hervor, die wir 
in ihrer Zusammensetzung als das gegebene sinnliche Zeichen des betreffenden 
Objects auffassen lernen, ohne uns der Zusammensetzung dieses Zeichens selbst 
bewusst zu werden. Im Gegentheil lernen wir die zusammengesetzte Beschaffen¬ 
heit der Empfindung in den bei weitem meisten Fällen dieser Art erst durch 
wissenschaftliche Analyse kennen. Die Empfindung einer bestimmten Klangfarbe 
ist zusammengesetzt aus einer Mehrzahl von Empfindungen vieler einfacher 
Töne; einen Stift, den wir in der Hand halten, fühlen wir mit zwei Fingern 
und also durch zwei Gruppen getrennter Nervenfasern, wir riechen denselben 
Geruch mit zwei Nasenhöhlen, das scheinbar einfache Gefühl des Nassen, wel¬ 
ches ein berührter Körper erzeugt, ist aus dem des Glatten und des Kalten 
zusammengesetzt u. s. w. In der That ist kein Grund, aus einer complicirten 
Wirkung auf ein so compiicirtes Reagenz, wie unser Körper ist, auf ein ent¬ 
sprechend complicates Object zu schliessen. 
Es wird also im Allgemeinen durchaus von der Erfahrung abhängen, ob 
eine häufig wiederkehrende Gruppe von Empfindungen als das sinnliche Zeichen 
eines oder mehrerer Objecte von uns kennen gelernt wird. 
Berücksichtigen wir nun, dass der normale Gebrauch der Augen derjenige 
ist, wobei wir das Object, welches unsere Aufmerksamkeit zur Zeit fesselt, 
mit beiden Augen fixiren, also auf den Centren der beiden Netzhautgruben ab¬ 
bilden, mit denen wir es am genausten sehen können, so ergiebt sich daraus, 
dass die beiden Centra der Netzhautgruben immer Bilder desselben einen äusseren
        

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