Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/674/
662 
DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§. 30. 
tale den Winkel dieser Doppelbilder, woraus folgt, dass der vertical erscheinende 
Faden, wenigstens naliehin, soweit die hier erreichbare Genauigkeit zu beur- 
theilen zulässt, in der den Convergenzwinkel halbirenden Verticalebene liegen 
musste. 
Bei hinten übergeneigtem Kopfe dagegen musste ich das untere Ende des 
Fadens von mir wegziehen, wobei die Richtung des ziehenden Fadens aber, so 
weit erkennbar, dieselbe blieb, wie vorher. 
Die Erklärung dieser Thatsachen scheint mir zusammenzuhängen mit dem 
im vorigen Paragraphen Seite 611 erwähnten Umstande, dass bei convergirenden 
Augen, die Richtung und Lage der gesehenen Objecte so beurtheilt wird, als 
wenn das Auge eine der mittleren Sehrichtung parallele Richtung und die 
entsprechende Raddrehung hätte. Die stattfindende Convergenz der Augen wird 
hierbei nicht berücksichtigt. Wenn wir diese auf den hier vorliegenden Fall 
übertragen, so würde folgen, dass diejenigen Linien vertical zurVisir- 
cbene erscheinen, welche sich abbilden auf solchen Meridianen des 
Auges, welche bei der Stellung des Auges parallel der mittleren 
Sehrichtung wirklich vertical sein würden zur Visirebene. 
Wenn der Fixationspunkt in der Medianebene liegt, so wird die mittlere 
Sehrichtung der Medianebene parallel sein, und bei Augen, die dem LisriNu’schen 
Gesetze folgen, keine Drehung um ihre Längsaxe bedingen. Also werden die 
in der Primärstellung zur Visirebene verticalen Meridiane auch bei geneigter 
Visirebene zu dieser normal sein, so lange die Augen der mittleren Sehrichtung, 
also der Medianebene parallel gerichtet sind. Geht man aber zur Convergenz- 
stellung über, so werden sie bei nach unten geneigter Visirebene sich so drehen, 
dass die vorher senkrechten Medianebenen derselben nach oben hin convergiren, 
umgekehrt bei nach oben geneigter Visirebene. Die Schnittlinie jener beiden 
Meridianebenen würde die scheinbar zur Visirebene senkrechte Linie sein, welche 
im ersteren Falle nach oben, im andern nach unten sich dem Beobachter nähert. 
Bei den seitlich nach unten oder oben geneigten Blickrichtungen sind aber 
nicht mehr dieselben Meridiane der Augen zur Visirebene normal, wie in der 
Primärstellung. Dass auch der scheinbar verticale Faden sich in beiden Augen 
nicht auf den in der Primärstellung verticalen Meridianen abbildet, kann man 
leicht erkennen, wenn man gerade vor sich an der Wand einen verticalen Streifen 
befestigt, der deutliche Nachbilder liefert. Diese Nachbilder bilden dann zum 
Theil sehr grosse Winkel mit dem scheinbar verticalen Faden, sobald man 
diesen fixirt. Der scheinbar verticale Faden scheint also hier zu liegen in 
denjenigen Meridianen, welche bei der der mittleren Sehrichtung parallelen 
Blickrichtung vertical sein würden 1. 
Zu bemerken ist aber, dass nach Volkmann’s Versuchen, die ich selbst be¬ 
stätigt finde, bei mangelnder Raddrehung und monocularem Sehen die scheinbar 
1 Herr E. Hering hat diese Erscheinungen mit der Horopterlehre in Verbindung gebracht, wovon im folgen¬ 
den Paragraphen mehr. Ich bemerke, dass die vertical zur Visirebene erscheinenden Linien bei mir nie im 
Horopter liegen, sondern stets in gekreuzten Doppelbildern erscheinen. Da bei Herrn Hering’s Augen die Ab¬ 
weichung der zum Netzhauthorizont wirklich und scheinbar verticalen Meridiane fehlt oder sehr gering ist, so 
N\irt seine Regel für sein Auge, wenigstens in den Medianstellungen, von denen er spricht, individuelle Richtige 
keit haben.
        

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