Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/673/
§. 30. 
LAGE DER SCHEINBAR VERTICALEN LINIEN. 
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relativ grössere Tiefendimensionen erhalten. Eine Concavlinse zeigt also ein 
richtig construirtes Reliefbild der durch sie gesehenen Objecte. 
Wenn man die Congruenzebene und die Ebene des Hintergrunds Zusammen¬ 
fällen lässt, so wird aus dem Reliefbild ein perspectivisches ebenes Bild. 
In den Reliefbildern werden gleich gut wahrnehmbare Theile der Tiefen- 
dimensionen dargestellt durch gleich grosse Tiefenunterschiede; und in diesem 
Sinne können wir sagen, dass wir die objective Welt binocular wie in einem 
Reliefbild sehen. Wie in einem solchen sind selbst grosse Abstände sehr 
entfernter Gegenstände von einander, in Richtung der Tiefe genommen, nur 
sehr schwach wahrnehmbar, während selbst kleine Tiefenabstände naher Objecte 
deutlich ausgedrückt sind. 
Schliesslich habe ich noch gewisse Fehler zu besprechen, welche bei der 
Beurtheilung von Linienrichtungen beim zweiäugigen Sehen eintreten, und auf 
welche E. Hering aufmerksam gemacht hat. Wenn man nämlich nach einem 
langen vertical hängenden Faden hinsieht, der sich vor einer entfernteren 
gleichmässig angestrichenen Wand befindet, welche keine deutlich sichtbaren 
Merkpunkte oder Linien darbietet, nach denen man sich über die Lage der 
Verticale oder Horizontale orientiren könnte, den Faden selbst aber so lang 
macht, dass man seinen oberen und unteren Endpunkt nicht sehen kann, oder 
aber ihn durch einen Hohlcylinder von der Breite des Gesichts hindurch be¬ 
trachtet, der den Anblick seiner Enden und seitlicher Gegenstände ausschliesst, 
so kann man bei zweiäugiger Betrachtung doch noch beurtheilen, ob der Faden 
wirklich vertical sei oder nicht, und wenn er nicht vertical erscheint, ihn durch 
Verschiebung seines unteren Endes vertical zu machen suchen. Dabei zeigt es 
sich, wie ich übereinstimmend mit Hering 1 finde, dass, wenn bei der gewählten 
Kopfstellung die horizontale Visirebene sich in ihrer Primärlage und der Faden 
sich in der Medianebene befindet, der wirklich verticale Faden auch für ver¬ 
tical gehalten wird. Wenn man dagegen den Kopf nach hinten übergebeugt hat, 
so dass die Visirebene unterhalb ihrer Primärlage sich befindet, während der 
Faden in der Medianebene bleibt, so muss man das untere Ende des Fadens 
vom Beobachter entfernen. Ist umgekehrt der Kopf vornübergeneigt und die 
Visirebene über ihrer Primärlage, so muss man das untere Ende des Fadens 
dem Beobachter nähern, damit der Faden vertical erscheine. 
Wenn der Faden sich nicht in der Medianebene befindet, sondern rechts 
von derselben, so erscheint er bei aufrechter Kopfhaltung, wenn die horizontale 
Visirebene in ihrer Primärlage befindlich ist, wieder vertical, wenn er wirklich 
vertical ist, und wieder muss sein unteres Ende genähert werden, wenn der 
Kopf vorn übergebeugt wird. Um die Ebene annähernd zu bestimmen, in der er 
geneigt werden muss, um vertical zu erscheinen, habe ich um den unteren Theil 
des Fadens einen zweiten gelegt, der eine lose Schlinge bildete, und mittels 
dieses zweiten den ersten so an mich herangezogen, dass jener vertical schien. 
Wenn ich dann nach dem horizontalen Faden herabblickte, wobei der verticale 
in stark divergirenden Doppelbildern erscheint, halbirte gewöhnlich der horizon-» 
Beiträge zur Physiologie. Heft V, S. 297.
        

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