Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/658/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE I.EIIRE VON DEN CESICIITSWAHRNEUMUNGKN. 
§• 30. 
daran gewöhnt ist, die Lage der Linsenbilder zu übersehen, wird hierdurch 
gleich erkennen, dass in der Entfernung nur“ sehr grosse Tiefendimensionen, 
iu der Nähe dagegen sehr kleine erkannt werden können. 
Die Grösse f in dieser Formel bezeichnet die weiteste Distanz, in welcher 
ein Object stereoskopisch noch von unendlich weit dahinter gelegenen Gegen¬ 
ständen unterschieden werden kann. 
Ueber die Energie, mit welcher die stereoskopische Vergleichung der Netz¬ 
hautbilder die Vorstellung verschiedener Entfernung giebt, im Vergleich mit 
den übrigen Hilfsmitteln des Sehens, ist namentlich eine Abänderung des Stereo¬ 
skops, das Pseudoskop, lehrreich. Dieses Instrument ist dazu bestimmt, die 
binoçularen Bilder wirklicher Gegenstände so zu verändern, dass man falsche 
stereoskopische Reliefs davon erhält. Das Pseudoskop von Wheatstone 
enthält zwei rechtwinkelige Glasprismen, deren Kanten rechtwinkelig zur Visir- 
ebene gestellt sind, und durch welche der Beobachter in einer ihrer Hypotenusen- 
lläche parallelen Richtung hindurchblickt. Es ist oben auf Seite 476 und in Fig. 139 
schon der Gang der Strahlen in einem solchen Prisma angegeben worden. Man 
sieht durch ein solches Prisma Objecte, die in Richtung des ihrer Hypotenusen¬ 
fläche parallelen unabgelenkten Strahls liegen, an ihrem richtigen Orte, die rechts 
daneben befindlichen dagegen durch die Spiegelung nach links, die links befind¬ 
lichen nach rechts verlegt. Da jedes Auge die Objecte in dieser Weise durch 
die Spiegelung symmetrisch umgelagert erblickt, so sind die Bilder beider Augen 
wieder mit einander in Uebereinstimrnung. Die beiden Prismen werden übrigens 
in kurze Röhren eingesetzt, so dass ihre Hypotenusenfläche der Axe der Röhre 
parallel ist. Die Röhren müssen um ihre eigene Axe und um eine zur Visir- 
ebene senkrechte Axe drehbar sein, damit man die beiden Bilder in überein¬ 
stimmende Stellung bringen kann. 
Dass dabei auch das stereoskopische Relief verkehrt werden muss, lässt 
sich leicht an einem einfachen Beispiele erkennen. Man denke sich als Object 
symmetrisch zu der Mittelebene des Kopfes gelegen einen viereckigen Balken. 
Beide Augen werden von diesem die vordere Fläche sehen, das rechte auch noch 
etwas von der rechten Seitenfläche, das linke etwas von der linken. Wenn 
man nun aber durch das Pseudoskop sieht, erscheint dem rechten Auge das, 
was es von der rechten Seitenfläche sieht, links neben der vorderen Fläche 
zu liegen. Das linke Auge sieht umgekehrt etwas von einer Seitenfläche rechts 
von dieser. Das kann nun an einem Balken nicht Vorkommen, wohl aber an 
einer hohlen Rinne von viereckigem Querschnitt, welche an der dem Beobachter 
zugekehrten Seite geöffnet ist. In einer solchen würde das rechte Auge in der 
That ein verkürztes Bild der linken Seitenfläche sehen, das linke Auge eines 
der rechten. Dem entsprechend erscheint nun auch der Balken durch das Pseu¬ 
doskop in der That als eine hohle Rinne. Ebenso erscheinen überhaupt convexe 
Körper als concav, nähere Gegenstände entfernter und so fort. 
Die pseudoskopische Täuschung gelingt übrigens doch nur an einer kleinen 
Zahl von Gegenständen, weil ihr theils die Kenntniss der gewöhnlichen Formen, 
theils die Schlagschatten hindernd in den Weg treten. Ich habe schon früher 
hervorgehoben, dass die Schlagschatten immer unzweideutige Auskunft über
        

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