Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/648/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§• 30. 
ob das Fadenkreuz dabei im Verhältniss zum Bilde still steht oder sich verschiebt. 
Im ersten Falle fällt es mit dem Bilde zusammen. Im zweiten ist es vor oder 
hinter ihm; und welches von beiden der Fall sei, ergiebt sich ebenfalls sogleich. 
Die Bestimmungen der Fixsternparallaxen beruhen bekanntlich auf derselben 
scheinbaren Verschiebung, wobei nur als Mittel der Fortbewegung des Beobach¬ 
ters die Bewegung der Erde um die Sonne benutzt wird. 
Ich glaube auch, dass die Veränderungen des Retinalbildes bei Bewegungen 
des Körpers es hauptsächlich sind, wodurch einäugige Personen sich richtige 
Anschauungen von den körperlichen Formen der Umgebungen verschaffen. Wenn 
Jemand, der zwei gesunde Augen besitzt, eines derselben schliesst und unregel¬ 
mässig gestaltete, unbekannte Gegenstände einäugig betrachtet, so erhält er 
eine falsche oder mindestens unsichere Vorstellung von ihrer Form. ' So wie er 
sich aber bewegt, gewinnt er sogleich die richtigen Anschauungen. 
Auch vergesse man nicht, worauf bisher noch nicht immer der nöthige 
Nachdruck gelegt worden ist, dass in allen physiologisch-optischen Versuchen, 
wo es sich um Beurtheilung der Entfernung eines irgend wie gesehenen Objectes 
oder Bildes handelt, wohl darauf zu achten ist, dass der Kopf seine Lage gegen 
das Gesehene nicht ändere, sonst tritt sogleich eine verhältnissmässig gute 
und genaue Bestimmung der wirklichen Entfernung durch die dabei beobachtete 
Verschiebung ein. 
Bei den bisher besprochenen Aenderungen des Retinalbildes durch Be¬ 
wegung entsteht eine Anschauung von den Entfernungsunterschieden nur dadurch, 
dass das augenblicklich bestehende Bild verglichen wird mit den in der Erinne¬ 
rung bewahrten unmittelbar vorhergegangenen Bildern im Auge. Wir haben schon 
in der Lehre vom Contrast hervorgehoben, dass eine Vergleichung mittels der 
Erinnerung viel unsicherer zu sein pflegt, als eine Vergleichung zweier gegen¬ 
wärtiger sinnlicher Eindrücke. So ist nun auch die Beurtheilung der Entfernungen 
mittels der gleichzeitigen Bilder beider Augen viel vollkommener, sicherer und 
genauer, als sie durch Bewegungen wenigstens innerhalb so geringer Distanzen, 
wie die Entfernung der Augen von einander ist, gewonnen werden kann. 
Jedes einzelne Auge zeigt uns ein perspectivisches Bild der vor uns ge¬ 
legenen Gegenstände. Da aber beide Augen nicht denselben Platz im Raume 
einnehmen, also die Objecte von etwas verschiedenen Gesichtspunkten aus betrach¬ 
ten, so sind die beiden perspectivischcn Bilder, welche sie von ihnen entwerfen, 
auch etwas von einander verschieden. Wenn ich ein Blatt Papier so vor mich 
hinhalte, dass es in die verlängerte Mittelebenc meines Kopfes fällt, so sehe 
ich mit dem rechten Auge die rechte Seite des Papiers, mit dem linken die 
linke. Das entferntere Ende dieses Papiers erscheint im Bilde meines rechten 
Auges rechts, in dem des linken links von dem näheren zu liegen. Aehnliche 
Unterschiede, mehr oder weniger merklich, wird man bei genauerer Aufmerk¬ 
samkeit viele finden, so oft man mit beiden Augen eine Anzahl verschieden 
entfernter Gegenstände betrachtet. Es sind Unterschiede derselben Art und 
Grösse, wie sie entstehen, wenn man das Gesichtsfeld einäugig ansieht, das 
Auge aber fortbewegt um eine Strecke, welche der Entfernung beider Augen 
von einander gleich ist.
        

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