Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/640/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§• 30. 
gleichsam aus dem Innern zu kommen scheint. Die Ursache davon scheint 
mir zu sein, dass der Schlagschatten auf dem ebenen Grunde fehlt, und daher 
dieser Grund wie transparent beleuchtet erscheint. 
Man kann übrigens, wie schon Rittenhouse und nach ihm viele Andere 
bemerkten, die Täuschung erhöhen und erleichtern dadurch, dass man auch 
die Beleuchtung der Matritze umkehrt. Entweder, wie Oppel in seinem 
Anaglyptoskop 1 gethan hat, dadurch, dass man das Licht des Fensters durch 
einen Schirm abhält und dafür einen Spiegel an der entgegengesetzten Seite 
anbringt, den der Beobachter nicht bemerkt; dann erscheint die scheinbare 
Patritze vom Fenster her beleuchtet zu sein. Oder man kann die Matritze 
durch ein spiegelndes rechtwinkeliges Prisma betrachten oder durch eine Linse, 
die ein umgekehrtes Bild von ihr entwirft. In allen diesen Fällen erscheint 
die Beleuchtung richtig, obgleich sie immer etwas fremdartiges durch den 
fehlenden Schlagschatten behält, namentlich, wenn das Relief sehr stark ist. 
Die Beobachtung durch eine umkehrende Linse trennt ausserdem für den Beob¬ 
achter die Form aus ihrer übrigen Umgebung los und erfordert eine unver¬ 
änderliche Lage des Auges, weil das Bild der Medaille sonst von der Grenze 
der Linse verdeckt wird. Alle diese Umstände begünstigen die Täuschung. 
Daher ist es wohl zu erklären, dass man sie bei solchen umgekehrten von 
Linsen und Spiegeln entworfenen Bildern zuerst wahrgenommen hat. 
Dass es im Ganzen viel seltener gelingt, Patritzen als scheinbare Matritzen 
zu sehen, scheint nur davon herzurühren, dass jene gewöhnlich einige Schlag¬ 
schatten zeigen, welche die Deutung der convexen als eine hohle Form un¬ 
möglich machen. 
Eine eigentümliche hierher gehörige Täuschung beschreibt D. Brewster 2. 
Fusstapfen im Sande erschienen ihm erhöht. Es zeigte sich, dass der Wind 
helleren Sand hineingeweht und an einem Rande aufgehäuft hatte, so dass dieser 
Rand scheinbar stärker beleuchtet erschien. Auch der Mond, bei Tage durch 
ein umkehrendes Fernrohr betrachtet, erscheint, wie Schweizer bemerkt, 
zuweilen in verkehrtem Relief. 
Schroeder macht noch auf einige andere Täuschungen ähnlicher Art auf¬ 
merksam. Wenn wir ein rechteckiges Streifchen Papier auf eine horizontale 
Tischplatte legen und schräg von oben her mit einer umkehrenden Linse be¬ 
sehen, so sollte bei richtiger Umkehrung der obere Rand des Bildes vom 
Papier und der Tischplatte dem Beobachter näher erscheinen, der untere ferner. 
Der Regel nach verhält es sich umgekehrt, wir glauben vielmehr den Tisch 
und das Papier in ihrer wirklichen Richtung zu sehen, und wenn eine feine 
Nadel schräg in das Papier eingestochen wird, von der eine passend gestellte 
Lampenflamme einen scharf begrenzten Schlagschatten wirft, so erscheint uns 
vermöge derselben Umkehrung oft das Bild des Schattens als das der "Nadel 
und umgekehrt. Brewster bemerkt, dass bei dieser Art der Täuschung ein 
in die Ebene eingeschnittenes Intaglio wegen der Umkehrung leicht als Relief 
hervortritt, weil man die nähere Seife desselben für die entferntere hält. 
1 PoggendorfTs Annalen XCIX, 466 — 469. 
2 Athenaeum 1860, 2, p. 24; Rep. of Brit. Assoc. 1860, 2, p. 7—8.
        

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