Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/636/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. 
§• 30. 
.Gründen für ferner halten, uns gleichzeitig auch immer in demselben Maasse 
an Grösse zu wachsen scheinen. Ferner die Erfahrung, dass ferne Tlieile der 
Landschaft, durch ein vergrösserndes Fernrohr gesehen, dem Beschauer in der 
Regel nicht vergrössert sondern nur genähert erscheinen, und er sich erst 
durch Oeffnung des andern Auges davon überzeugen muss, dass die Bilder auch 
vergrössert sind. 
Da übrigens diese Beziehung zwischen Entfernung und Grösse erst durch 
lange Erfahrung erlernt werden muss, wird es nicht auffallen können, dass 
Kinder hierin ziemlich ungeübt sind und leicht grobe Irrthümer machen. Ich 
selbst entsinne mich noch, dass ich als Kind an einem Kirchthurm (der Gar¬ 
nisonskirche zu Potsdam) vorübergegangen bin und auf dessen Gallerie Menschen 
sah, die ich für Püppchen hielt, und dass ich meine Mutter bat sie mir herunter¬ 
zulangen, was, wie ich damals glaubte, sie können würde, wenn sie den Arm 
ausstreckte. Der Zug hat sich meinem Gedächtnisse eingeprägt, weil mir an mei¬ 
nem Irrthum das Gesetz der perspectivischen Verkleinerung deutlich wurde. 
Zur Kcnntniss der Grösse kommt ferner in sehr vielen Fällen die Kenntniss 
der Form der gesehenen Objecte, namentlich in solchen Fällen, wo das eine 
zum Theil vom andern gedeckt wird. Wenn wir zum Beispiel in der Entfernung 
zwei Hügel sehen, von denen der eine mit seiner Basis sich vor den andern 
vorschiebt und den letzteren zum Theil verdeckt, so schliessen wir daraus 
unmittelbar, dass der deckende vor dem gedeckten liegt; denn wenn dies nicht 
der Fall wäre, so müsste der andere einen überstehenden Theil und eine nach 
unten sehende Begrenzungsfläche haben, wie sie an Hügeln nie vorkommt, und 
ausserdem müsste der Zufall cs mit sich bringen, dass diese überhängende 
Grenzlinie desselben gerade in der Contourlinie des andern Hügels, wo dieser 
nicht deckt, ihre Fortsetzung fände. Es wäre dies eine an sich mögliche Aus¬ 
legung des gesehenen Bildes, die aber aller Erfahrung widerspräche. Dasselbe 
kann natürlich bei allen möglichen Arten von Gegenständen Vorkommen, die 
sich theilweis decken. Selbst wenn uns ihre Gestalt noch durchaus unbekannt 
ist, wird in den meisten Fällen der Umstand, dass die Contourlinie des deckenden 
Objects, wo sie über die Contourlinie des bedeckten hingeht, ihre Richtung nicht 
ändert, entscheidend sein, um den deckenden von dem gedeckten Gegenstände 
zu unterscheiden. Man kann auch leicht Täuschungen hervorßringen, wenn 
man absichtlich ein deckendes Papierblatt so hält, dass es eine Ecke darbietet, 
wo es mit dem theilweis gedeckten zusammenstösst, an letzterem aber die 
Contour in derselben Richtung fortläuft. 
Am auffallendsten sind die Täuschungen, die auf diesem Principe beruhen, 
an spiegelnden und brechenden Flächen, die vor ihrer dem Beobachter zuge¬ 
kehrten Seite ein optisches Bild entwerfen. Die meisten Personen überzeugen 
sich nur schwer davon, dass dieses Bild vor dem Spiegel in der Luft liegt; 
denn sie sehen Lücken im Bilde, wo der Spiegel ein Fleckchen hat, sie sehen 
das Bild begrenzt durch den Rand des Spiegels, sie sehen überhaupt alle kleinen 
Unregelmässigkeiten des Spiegelbelegs ungetrübt durch das Bild hindurch. Das 
Bild erscheint durchaus als der bedeckte, also hintere Gegenstand, während 
es in der That der vordere ist. Ja selbst, wenn man mit Hilfe des zweiäugigen
        

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