Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/448/
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DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNtlEN. 
§. 26. 
Wenn ich mich in einem bekannten Zimmer befinde bei hellem Sonnenschein, 
so habe ich eine von sehr energischen Empfindungen reichlich begleitete An¬ 
schauung. In demselben Raum werde ich Abends in der Dämmerung nur die 
helleren Objecte erkennen können, namentlich die Fenster, aber was ich wirklich 
noch erkenne, schmilzt mit meinen Gedächtnissbildern, die das Zimmer be¬ 
treffen, so zusammen, dass ich immer noch im Stande sein werde, mich in dem¬ 
selben sicher umher zu bewegen und Gegenstände, die ich suche, zu finden, 
selbst wenn ich von ihnen nur ein schattenhaftes Bild erhaschen kann, was 
ohne meine vorgängige Kenntniss durchaus ungenügend wäre, sie zu erkennen. 
Endlich kann ich mich in demselben Raume in absolutem Dunkel befinden, und 
mich doch, vermöge der Erinnerung an die früher von ihm erhaltenen Gesichts¬ 
bilder in ihm zurecht finden, so dass das Anschauungsbild durch immer weitere 
Beschränkung des sinnlichen Materials endlich auf das reine Vorstellungsbild 
zufückgeführt werden und in dieses allmälig übergehen kann. Meine Be¬ 
wegungen werden allerdings um so unsicherer, meine Anschauung um so un¬ 
genauer werden, je mehr das sinnliche Material entzogen wird, indessen wird 
kein eigentlicher Sprung stattfinden, sondern Empfindung und Erinnerung wer¬ 
den sich fortdauernd ergänzen, nur in verschiedenem Maasse. 
Aber selbst, wenn wir ein solches Zimmer bei vollem Sonnenschein be¬ 
schauen, so zeigt eine leichte Ueberlegung, dass auch dann ein grosser Theil 
unseres Anschauungsbildes auf Momenten der Erinnerung und Erfahrung -beruhen 
mag. Unsere Gewöhnung an die perspectivischen Verziehungen der Bilder 
parallelepipedischer Körper und an die Form der Schlagschatten ist bei der 
Beurtheilung seiner Form und Grösse von beträchtlichem Einflüsse, wie wir 
später sehen werden. Schliessen wir, während wir das Zimmer betrachten, 
ein Auge, so glauben wir es nicht weniger deutlich und bestimmt vor uns 
zu sehen, als mit zwei Augen, und doch würde uns nun genau dasselbe Gesichts¬ 
bild gegeben werden, wenn alle Punkte des Zimmers so verschoben würden, 
dass sie ihre Entfernung vom Auge beliebig änderten, aber auf denselben Visir- 
linien blieben. 
Während wir also in Wahrheit in einem solchen Falle eine äusserst viel¬ 
deutige sinnliche Erscheinung vor uns haben, geben wir ihr doch eine ganz 
bestimmte Auslegung, und es ist gar nicht leicht, sich dessen bewusst zu werden, 
dass das einäugige Bild eines solchen wohlbekannten Gegenstandes eine viel 
mangelhaftere Wahrnehmung bedingt, als das der beiden Augen. So ist es 
auch, wenn ungeübte Beobachter stereoskopische Photographien betrachten, oft 
g'enug schwer herauszubringen, ob sie die eigenthümliche Täuschung, die das 
Instrument giebt, erkennen oder nicht. 
Wir sehen also, wie hiebei die Erinnerungsbilder aus früheren Erfahrungen 
Zusammenwirken mit gegenwärtigen Sinnesempfindungen, um -ein Anschauungsbild 
hervorzubringen, welches sich unserem Wahrnehmungsvermögen mit zwingen¬ 
der Kraft aufdrängt, ohne dass darin für das Bewusstsein sich trennt, was durch 
Erinnerung, was durch gegenwärtige Wahrnehmung gegeben ist. 
Noch schlagender ist der Einfluss des Verständnisses der Sinnesempfindungen, 
wenn in einzelnen Fällen, namentlich bei unvollkommener Beleuchtung ein Ge-
        

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