Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/419/
§• U. 
CONTRAST AUF KLEINEM FARBIGEM FEI,DE. 
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natürlich oft schwer, auszumitteln, auf welcher Verkettung von Eindrücken das 
endliche Resultat beruht, und es liegt in der Natur der Sache, dass sehr ver¬ 
schiedenartige Umstände von Einfluss sein können. Ich will versuchen hier der¬ 
gleichen Umstände zu bezeichnen, so weit ich bei der Neuheit des Gegenstandes 
sie aufzuftnden weiss. 
Die bisher beschriebenen Versuche haben etwas Gemeinsames, welches den 
Eintritt der Contrastwirkung sehr zu unterstützen scheint, obgleich auch ohne 
diesen Umstand Contrast zu Stande kommen kann. In allen diesen Fällen scheint 
nämlich eine farbige Beleuchtung oder eine farbige durchsichtige Decke über 
das Feld ausgebreitet zu sein, und die Anschauung ergiebt nicht unmittelbar, 
dass sie auf der weissen Stelle fehlt, so dass hier nicht blos einfach an Stelle 
des Weiss die Complementärfarbe des Grundes gesetzt wird, dass man vielmehr 
an die Stelle des Weiss zwei neue Farben setzt, die Farbe des Grundes und 
deren Complement. Am klarsten ist das Verhältniss bei der in Fig. 151 darge¬ 
stellten Anordnung, wo man durch das unter 45° geneigte grüne Glas sieht. 
Man urtheilt, dass der schwarze Fleck des unteren horizontalen Blattes rosen- 
roth sei, aber man urtheilt auch, dass man diesen Fleck wie das ganze Blatt 
mit seiner rosenrotheu Farbe durch das grüne Glas sehe, und dass die grüne 
Farbe, welche das Glas giebt, sich ununterbrochen über die ganze unterliegende 
Fläche erstreckt, auch über den dunkeln Fleck. Man glaubt also an dieser 
Stelle gleichzeitig zwei Farben zu sehen, nämlich das Grün, welches man der 
Glasplatte zuschreibt, und das Rosenroth, welches man dem dahinter liegen¬ 
den Papier zuschreibt, und beide zusammen geben in der That die wahre 
Farbe dieser Stelle, nämlich Weiss. In der That müsste ein Object, welches, 
durch ein grünes Glas gesehen, weisses Licht in das Auge sendet, wie dieser 
Fleck, rosenroth sein. Bringen wir aber ein genau ebenso aussehendes weisses 
Object oberhalb der Glasplatte an, so fällt jeder Grund weg, die Farbe des 
Objects in zwei zu zerlegen, es erscheint uns weiss. 
Ebenso wenn farbige Flächen mit durchscheinendem Papier bedeckt sind. 
Ist die Unterlage grün, so erscheint das Papier selbst grünlich gefärbt. Geht 
nun die Substanz des Papiers ohne sichtbare Unterbrechung über das unterge¬ 
legte Grau hin, so glaubt man ein Object durch das grünliche Papier hin¬ 
durchschimmern zu sehen, und ein solches Object muss wiederum rosenroth 
sein, um weisses Licht zu geben. Ist aber die weisse Stelle als selbständiges 
Object abgegrenzt, fehlt die Continuität mit dem grünlichen Theil der Fläche, 
so betrachtet man sie als ein weisses Object, welches auf dieser Fläche liegt. 
Ich habe schon oben im §. 20 erwähnt, dass eine solche Trennung zweier 
Farben, die in demselben Thcilc des Gesichtsfeldes vorhanden sind, durch das 
Urtheil vorkomme. Wir lernten diesen Umstand dort als ein Hinderniss für 
das ungestörte Zustandekommen der Empfindung einer Mischfarbe kennen. Eine 
solche Trennung tritt sehr häufig ein, sobald die beiden Farben uugleichmässig 
verbreitet sind. Man glaubt dann, wie Volkmann x, der diese Erscheinungen 
zuerst erwähnt hat, es beschreibt, die eine Farbe durch die andere hin zu 
1 Muller’s Archiv für Anat. und Physiol. 1838. S. 373.
        

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