Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/338/
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ZWEITER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSEMPFINDUNGEN. 
§• 21. 
ab, wie in Fig. 152, und dann erscheinen seine Ränder verwaschen grau, seine 
Mitte schwarz. Man erkennt alsdann das Vorhandensein von Zerstreuungskreisen 
und die Täuschung schwindet. Der Unterschied zeigt sich sehr auffallend in 
einem von Volkmann angegebenen Versuche. Man betrachte die Fig. 133 aus 
solcher Entfernung, dass die Accommodation beträchtlich 
■ '■ mangelhaft ist, so wird man finden, dass der mittlere 
■ I weisse Streifen, der überall gleiche Breite hat. eine 
I I keulenförmige Gestalt bekommt, indem das zwischen den 
breiten schwarzen Flächen stehende Ende breit wird, das 
zwischen den schmalen schwarzen Streifen stehende da- 
> V: gesjen sclinialer wird und gleichsam den Griff der Keule 
bildet. Zwischen den breiten schwarzen Flächen breitet 
sich der weisse Streifen durch die gewöhnliche Art der 
Irradiation aus. Die schmalen schwarzen Streifen dagegen verwandeln sich in 
breitere graue, und beeinträchtigen dadurch die Breite des zwischen ihnen 
liegenden mittleren Weiss. Plateau hat ähnliche Phänomene beschrieben, daraus 
aber geschlossen, dass die Irradiation zweier benachbarter weisser Ränder sich 
gegenseitig beschränke. 
. Diese zuletzt beschriebenen Phänomene der Ausbreitung dunkler Streifen 
sind deshalb einfache Fälle von Zerstreuungsbildern, unabhängig von der Be¬ 
leuchtungsstärke und von dem Gesetze der Empfindungsstärke. Ich würde des¬ 
halb vorziehen den Namen der Irradiation nicht auf sie anzuwenden, sondern 
diesen zu beschränken auf diejenigen Fälle, wo die Erscheinung von der Be¬ 
leuchtungsstärke abhängt. 
Eine sehr grosse Anzahl von Physikern und Physiologen hat eine andere 
Erklärung der Irradiationserscheinungen angenommen, welche namentlich von 
Plateau vertheidigt und ausführlich durchgeführt ist. Danach wird angenommen, 
dass in der Netzhaut eine erregte Nervenfaser die Fähigkeit habe, den Zustand 
der Reizung auch in den benachbarten Fasern hervorzurufen, so dass auch diese 
Lichtempfindung veranlassen, obgleich sie von keinem objectiven Lichte ge¬ 
troffen werden. Es würde dies ein Fall sogenannter Mitempfindung sein. 
Dergleichen Mitempfindungen kommen bei anderen sensiblen Nerven vor. Viele 
Personen empfinden z. B. Kitzel in der Nase, wenn heftiges Licht in ihr Auge 
fällt, empfinden ein kaltes Ueberlaufen in der Haut des Rumpfes, wenn sie 
kreischende oder quietschende Töne hören. In diesen und anderen Fällen kann 
die Uebertragung der Reizung von der primär erregten Nervenfaser auf die 
andere ei'st innerhalb der Centralorgane geschehen, da der Sehnerv mit den 
sensiblen Nerven der Nase ( Servus trigeminus) und der Hörnerv mit den Haut¬ 
nerven des Rumpfes keine andere anatomische Communication hat, als durch 
die Centralorgane. Uebrigens kommen dergleichen Mitempfindungen immer nur 
in ziemlich vereinzelten Beispielen vor, und die angeführte Deutung derselben 
kann nicht als fest begründet angesehen werden, weil möglicher Weise auch 
reflectorische Entladungen nach den absondernden Drüsen der Nase oder den 
Gefässmuskeln der Hautgefässe ähnliche Empfindungen mittelbar hervorrufeu 
könnten. Dass in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Erregung einer
        

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