Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/304/
292 
ZWEITER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSEMPFINDUNGEN. 
§. SO. 
Das einfache Violett erregt stark die gleichnamigen, schwach die anderen 
Fasern; Empfindung: violett. 
Erregung aller Fasern von ziemlich gleicher Stärke giebt die Empfindung 
von Weiss oder weissliclien Farben. 
Vielleicht nimmt bei dieser Hypothese zunächst mancher daran Anstoss, dass 
die Zahl der vorauszusetzenden Nervenfasern und Nervenendigungen verdreifacht 
werden muss, im Vergleich mit der gewöhnlichen Annahme, wo man jede 
einzelne Nervenfaser alle möglichen Farbenerregungen leiten lässt. Ich glaube 
aber nicht, dass in dieser Beziehung die Annahme von Young mit den anato¬ 
mischen Thatsachen in Widerspruch steht; da wir über die Zahl der leitenden 
Fasern nichts wissen, und noch eine Menge mikroskopischer Elemente (Zellen, 
Körner, Stäbchen) vorhanden sind, denen wir bisher keine specielle Function 
anweisen konnten. Andererseits ist dies auch nicht das Wesentliche der Hypo¬ 
these von Young. Das scheint mir vielmehr darin zu liegen, dass die Farben- 
empfindungen vorgestellt werden, als zusammengesetzt aus drei von einander 
vollständig unabhängigen Vorgängen in der Nervensubstanz. Diese Unabhängig¬ 
keit zeigt sich nicht nur bei den hier vorliegenden Erscheinungen, sondern auch 
bei denen der Ermüdung des Sehnervenapparates. Es würde nicht gerade nötliig 
sein, verschiedene Nervenfasern für diese verschiedenen Empfindungen anzu¬ 
nehmen. Man würde dieselben Vortheile, welche die Hypothese von Young für 
die Erklärungen bietet, gewinnen, wenn man die Annahme machte, dass inner¬ 
halb jeder einzelnen Faser dreierlei von einander verschiedene und von einander 
unabhängige Thätigkeiten auftreten könnten. Da aber die ursprüngliche von 
Young aufgestellte Form dieser Hypothese eine grössere Bestimmtheit der Vor¬ 
stellung und des Ausdrucks giebt, als eine solche Modification derselben er¬ 
lauben würde, so wollen wir sie, wenn auch nur im Interesse der Darstellung, 
in ihrer ursprünglichen handgreiflicheren Gestalt beibehalten. Es kommt noch 
hinzu, dass die physikalischen Erscheinungen der Nervenerregung, nämlich die 
elektromotorischen, uns in sensiblen wie in motorischen Nerven nichts von 
einer solchen Verschiedenartigkeit der Thätigkeit merken lassen, wie sie vor¬ 
handen sein muss, wenn jede Sehnervenfaser sämmtliche Farbenempfindungen 
leiten soll. Durch Young’s Hypothese wird es möglich, auch in dieser Be¬ 
ziehung die einfachen Vorstellungen über den Mechanismus der Reizung und 
jhre Fortleitung, die wir uns zunächst durch das Studium der Phänomene an 
den motorischen Fasern gebildet haben, direct auf den Sehnerven zu übertragen, 
was nicht anginge, wenn wir uns vorstellten, dass jede Sehnervenfaser in drei 
qualitativ verschiedene Reizungszustände solle gerathen können, die sich gegen¬ 
seitig nicht störten. Young’s Hypothese ist nur eine speciellere Durchführung 
des Gesetzes von den specifischen Sinnesenergien. Wie Tastempfindung und 
Gesichtsempfindung des Auges nachweislich verschiedenen Nervenfasern zukommt, 
wird hier dasselbe auch für die Empfindung der verschiedenen Grundfarben an¬ 
genommen. 
Die Wahl der drei Grundfarben hat zunächst etwas Willkührliches. Es 
könnten beliebig jede drei Farben gewählt werden, aus denen Weiss zusammen¬ 
gesetzt werden kann. Young ist wohl durch die Rücksicht geleitet worden,
        

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