Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/219/
§• 4 7. 
ELEKTRISCHE REIZUNG DES SEHNERVEN. 
207 
Wenn der Strom in der Nähe des Auges durch einen schmalen Zuleiter ein¬ 
geleitet wurde, so blieb die dem gelben Flecke und . dem Eintritte des Seh¬ 
nerven entsprechende Lichterscheinung dieselbe wie vorher, ausserdem wurde 
aber an der Grenze des Gesichtsfeldes und ihr parallel ein dunkler Bogen be¬ 
merkbar, der bei Bewegungen des Auges seinen scheinbaren Ort behielt, während 
die vom gelben Fleck und Sehnerven abhängigen Erscheinungen den Bewegungen 
des Auges scheinbar folgen. Der genannte dunkle Bogen des Gesichtsfeldes 
befindet sich oben, wenn der Leiter unter dem Auge angelegt ist, rechts, 
wenn jener links angelegt ist, und umgekehrt. Daraus folgt, dass diejenigen 
Stellen der Netzhaut kein Licht empfinden, welche dem Leiter am nächsten 
sind. Um diese Erscheinung deutlich zu sehen, wendete Purkinje übrigens 
Ketten als Zuleiter an; bei jeder Bewegung gaben diese Stromunterbrechungen. 
Die Lehre von den Gesichtsempfmdungen fiel in älterer Zeit noch ganz der Philosophie 
anheim, so lange positive Kenntnisse darüber fehlten. Zunächst musste eingesehen werden, 
dass die Empfindungen nur Wirkungen der Aussendinge auf unseren Körper seien, und dass 
die Wahrnehmung erst durch psychische Processe aus der Empfindung gebildet würde. Mit 
dieser Einsicht ringt die griechische Philosophie L Sie beginnt mit naiven Voraussetzungen 
über die Möglichkeiten, wie Bilder, die den Gegenständen entsprächen, in die Seele kommen 
sollten. Demokrit und Epikur lassen solche Bilder sich von den Gegenständen loslösen und 
in das Auge fliessen. Esipedokles lässt Strahlen sowohl vom Lichte wie vom Auge nach 
den Gegenständen fliessen, und mit letzteren die Gegenstände gleichsam betasten. Plato 
scheint zu schwanken. Im Timaeus schliesst er sich dieser Vorstellungsweise des Empedokles 
an; er erklärt die vom Auge ausgehenden Strahlen für ähnlich dem Lichte, aber nicht brennend, 
und lasst das Sehen nur zu Stande kommen, wo das innere Licht herausgehend an den Gegen¬ 
ständen das verwandte äussere Licht trifft. Im Theaetet dagegen nähert er sich durch 
Untersuchungen über die geistige Thätigkeit bei den Wahrnehmungen schon dem reiferen 
Standpunkte des Aristoteles. 
Bei letzterem 2 findet sich eine feine psychologische Untersuchung über die Mitwirkung 
geistiger Thätigkeit in den Sinneswahrnehmimgen, das Physikalische und Physiologische, die 
Empfindung ist deutlich unterschieden von dem Psychischen; die Wahrnehmung äusserer 
Objecte beruht nicht mehr auf einer Art feiner Fiihlfäden des Auges, wie die Gesichtsnerven 
des Empedokles, sondern auf Urtheil. Das Physikalische an seinen Vorstellungen ist freilich 
sehr unentwickelt, doch könnte man in den Grundzügen desselben Spuren der Undulations- 
theorie finden. Denn das Lieht ist bei ihm nichts Körperliches, sondern eine Thätigkeit 
(èvÉQysia) des zwischen den Körpern enthaltenen Durchsichtigen, welches im Zustande der 
Ruhe Dunkelheit ist. Doch erhebt er sich noch nicht zu der Vorstellung, dass die Wirkung 
des Lichtes auf das Auge nicht nothwendig dem erregenden Lichte gleichartig zu sein braucht 
Er sucht vielmehr diese Gleichartigkeit dadurch zu begründen, dass auch das Auge Durch¬ 
sichtiges enthalte, welches in dieselbe Art von Thätigkeit wie das äussere Durchsichtige 
treten kann. 
Im Mittelalter blieben die eigentlichen und entscheidenden Fortschritte, welche Aristoteles 
in der Theorie des Sehens gemacht hatte, unbeachtet, erst Baco von Verulam und seine 
Nachfolger nehmen diesen Faden wieder auf, discutiren scharf die Abhängigkeit der Vor¬ 
stellungen von den Empfindungen, bis Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft den Abschluss 
ihrer Theorie liefert. 
ln derselben Zeit waren die Naturforscher meist nur mit dem seit Keppler sich schnell 
entwickelnden physikalischen Theile der Theorie des Sehens beschäftigt. Durch Haller wurde 
1 S. Wundt zur Geschichte der Theorie des Sehens in Henle end Pfeuffer’s Zeitschrift für rationelle Medi- 
cin. 1859. 
2 De sensibus, de anima lib.-II. c. 5—8 und de coloribns.
        

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