Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/215/
§. 17. 
ELEKTRISCHE REIZUNG DES SEHNERVEN. 
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des sie durchfliessenden elektrischen Stromes einer schnellen Steigerung oder 
Abnahme ausgesetzt ist, so werden in den Sinnesnerven nicht nur durch Stromes¬ 
schwankungen, sondern auch durch einen Strom von glcichmässig anhaltender 
Stärke Empfindungen hervorgerufen, deren Qualität im letzteren Falle von der 
Stromesrichtung abhängt. 
Wenn der Sehnerv durch Stromesschwankungen gereizt wird, ent¬ 
stehen starke Lichtblitze, die das ganze Gesichtsfeld überziehen. Man kann 
dieselben sowohl durch Entladungen von Leydener Flaschen als von galvanischen 
Säulen erzielen, wenn man die Elektricität so durch den Körper leitet, dass hin¬ 
reichend starke Zweige der Strömung durch den Sehnerven möglichst parallel 
seinen Fasern gehen. Man legt also zweckmässig den einen Zuleiter an die 
Stirn oder auf die geschlossenen Augenlider, den anderen in den Nacken, oder 
wenn man bei hinreichend kräftigen Apparaten einen grossen Widerstand nicht 
zu scheuen hat, nimmt man ihn in die Hand. Um den Schmerz in der Haut 
zu mildern, ist es vortheilhaft, die Zuleiter, welche die Form von Platten oder 
Cylindern haben können, mit nassen Pappscheiben zu bedecken uud die zu be¬ 
rührende Hautstelle einige Zeit vorher schon anzufeuchten. Mit den Schlägen 
von Leydener Flaschen sind bisher wenig hierher gehörige Versuche angestellt 
worden, auch ist grosse Vorsicht wegen der Nähe des Gehirns nothwendig, da 
Franklin und Wilcke 1 beobachtet haben, dass durch den Kopf geleitete Schläge 
ein bewusstloses Zusammenstürzen zur Folge haben können. Le Roy 2 liess 
den Entladungsschlag auf einen am Staar erblindeten jungen Mann wirken, in¬ 
dem er dessen Kopf und rechtes Bein mit einem Messingdrathe umwand und 
durch die Enden der Drätlie eine Leydener Flasche entlud. Bei jeder Ent¬ 
ladung glaubte der Patient eine Flamme sehr schnell von oben nach unten Vor¬ 
beigehen zu sehen, und hörte einen Knall wie von grobem Geschütze. Wenn 
Le Roy den Schlag durch den Kopf des Blinden allein leitete, indem er über 
den Augen und am Hinterkopfe Metallplatten befestigte, die mit den Belegungen 
einer Flasche verbunden wurden, so sah der Kranke Phantasmen, einzelne 
Personen, in Reihe gestellte Volkshaufen u. s. w. 
Reicher sind die Erfahrungen über die Wirkungen der galvanischen Ströme. 
Will man nur die Lichtblitze wahrnehmen, die durch Schliessung oder Unter¬ 
brechung des Stromes entstehen, so genügen schon wenige Zinkkupferelemente, 
bei reizbaren Augen sogar schon ein einfaches Plattenpaar. Wenn zum Beispiel 
ein Stück Zink an die befeuchteten Lider des einen, Silber an die des anderen 
Auges gelegt wird, und man die beiden Metalle in Berührung bringt, so er¬ 
scheint im Momente der Berührung und dann wieder im Momente der Trennung 
ein Blitz. Belehrender ist der Versuch, wenn man das eine Metall an ein 
Auge legt, das andere in den Mund nimmt, weil dabei zugleich die Abhängig¬ 
keit der Stärke des Blitzes von der Stromesrichtung erkannt werden kann. 
Der Blitz bei Schliessung der Kette ist nach den Beobachtungen von Pfaff 
stärker, wenn man das positive Metall (Zink) an das Auge, das negative 
1 Franklin Briefe über Elektricität. Leipzig 1758. S. 312. 
2 Mém. de math ein. de l’Acai. de France. 17öö. p. 86 — 92.
        

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