Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/131/
§. 12. 
GESCHICHTE HER ACCOMMODATIONSLEHRE. 
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nicht so bedeutend ist, wie Sturm voraussetzt, und dass die erwähnte Abweichung des Auges 
keineswegs die Deutlichkeit des Sehens vermehrt, im Gegentheil vermindert. 
De la Hire 1 behauptete, dass es nur einen Abstand des deutlichen Sehens gebe, und 
dass in einer gewissen Entfernung vor ihm und hinter ihm die Gegenstände noch nicht so 
undeutlich erschienen, um nicht erkannt zu werden; sonst gebe es keine Accommodation. 
Haller 2 ist im Wesentlichen derselben Meinung, und meint nur, dass auch die Verengerung 
der Pupille ein Hiilfsmittel sei, um die Zerstreuungskreise naher Gegenstände kleiner zu 
machen; ebenso in neuester Zeit Besio 3 *. 
Alle diese Ansichten, welche die Nothwendigkeit und das Vorhandensein einer inneren 
Veränderung des Auges ganz läugnen, werden am einfachsten widerlegt durch die Thatsache, 
dass wir einen in unveränderlicher Entfernung vor dem Auge liegenden Punkt willkürlich bald 
deutlich, bald undeutlich sehen können. Sie werden ferner widerlegt durch den ScHEiNER’schen 
Versuch, da wir einen solchen Punkt durch ein Kartenblatt mit zwei Oeffnungen willkürlich 
bald einfach, bald doppelt sehen können, und endlich durch die schon in §. M erwähnten 
Beobachtungen mit dem Augenspiegel, wobei die Veränderungen des optischen Bildes auf der 
Netzhaut auch objectiv sichtbar gemacht werden. 
2) Ansichten, wonach die Verengerung der Pupille zur Accommodation 
für die Nähe genügen sollte. Die Thatsache, dass sich die Pupille beim Nahesehen ver¬ 
engt, war von Scheiner 4 gefunden worden. Wäre das Auge für die Ferne accommodirt, so 
würden die Zerstreuungskreise, in welchen nahe leuchtende Punkte auf der Netzhaut sich ab¬ 
bilden, durch Verengerung der Pupille allerdings verkleinert werden können. Indessen über¬ 
zeugt man sich durch einen einfachen Versuch leicht davon, dass die Verengerung der Pupille 
nicht genügend ist, um das Auge für die Nähe zu accommodiren. Man braucht nur durch ein 
Kartenblatt mit einer Oelfnung zu sehen, die enger als die Pupille ist, und welches gleichsam 
eine künstliche unbewegliche Pupille vertritt, um sich zu überzeugen, dass man auch dann 
beim Fernsehen nahe Gegenstände undeutlich sieht, beim Nahesehen ferne. Anhänger einer 
solchen Ansicht waren ausser Haller, den ich schon genannt habe, le_ Roy 5, Hall 6, 
Morton 7. Die Beweise gegen diese Meinung brachten vor Olbers 8, Duois 9, Hueck und 
Donders 10 *. Eine eigenthümliche Ansicht über den Erfolg der Verengerung der Pupille, die 
aber durch den schon genannten Versuch ebenfalls widerlegt wird, stellte J. Mile 11 auf, nahm 
sie aber selbst später wieder zurück 12 *. Er glaubte, dass beim Fernsehen die Randstrahlen des 
Lichtbündels, welche vor der Netzhaut die Augenaxe schneiden würden, durch Diffraction am 
Rande der Pupille von der Augenaxe abgelenkt würden, und sie deshalb erst später schnitten. 
Die Diffraction des Lichts besteht aber keineswegs in einer solchen einfachen Ablenkung der 
ganzen Strahlen. 
3) Ansichten, welche eine veränderte Krümmung der Hornhaut voraus¬ 
setzen. Lobé 13 scheint der Erste gewesen zu sein, der eine Veränderung der Hornhautkrüm¬ 
mung wahrgenommen zu haben meinte. Olbers 14 wagt nach seinen eigenen Beobachtungen nicht 
bestimmt zu behaupten, dass die Convexität beim Nahesehen zunehme. Home 15, Englefield 
und Ramsden dagegen wollten eine Vermehrung der Krümmung bestimmt wahrgenommen haben. 
Jemand, der ein gutes Accommodationsvermögen besitzt, wurde mit dem Kopf in den Aus¬ 
schnitt eines festen Brettes befestigt, so dass sein Kopf möglichst unbeweglich war. An dem 
Brette, in einem kleinen Abstande vom Auge, war eine Platte mit einer kleinen Oelfnung be¬ 
festigt (als Fixationspunkt), während ebenfalls an dem Brette zur Seite des Auges ein beweg¬ 
liches Mikroskop angebracht war, durch welches man die vorderste Krümmung der Hornhaut¬ 
fläche wahrnehmen konnte. Das Mikroskop seihst war mit einem Ocularmikrometer versehen. 
Beim Nahesehen sollte die Hornhaut stärker gekrümmt werden, so dass ihre Mitte um y8u0 
1 Journal des Sçavans. 1683. p. 398. 
2 Elemente Physiologiae. 1743. Tom. V. p. 516. 
3 Giornale Arcad. CV. p. 3. 
3 Oculus. p. 31. 
5 Marti, d. l’Acad. d. Sciences. 1735. p. 594. 
6 Meckel's Archiv. Bd. IV. S. 611. 
7 American Journal of med. Sciences. 1831. Nov. 
8 De oculi mutationibus intends. Gotting. 1780. p. 13. 
8 Institut 1834. No. 73. 
10 Ruete Leerbock der Ophthalmologie. 1846. bl. 110. 
11 Magendie Journal de Physiologie. VI. p. 166. 
12 Poggendokff’s Ann. XLII. 
13 Albinus Dissert, de oculo humano. Lugd. Bat. 1742. p. 119. 
14 De oculi mutât, int. p. 39. 
15 Philosoph. Transact. 1795. p. 13 u. 1796. p. 2.
        

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