Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wissenschaftliche Kinematographie. Einschliesslich der Reihenphotographie
Person:
Liesegang, F. Paul Karl Kieser Oswald Polimanti
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39508/275/
Anwendung in der Psychologie. 
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der menschlichen Psyche eindringen können. Schon 1911 schrieb 
ich: „Ein jeder begreift, dass diese Methode auch für die 
Psychologie des Menschen ein mächtiges Hilfsmittel werden 
könnte, weil man auf diese Weise die gesamte und individuell 
Psychologie in bestimmten Momenten und Perioden sowie unter 
bestimmten Einflüssen studieren, die Veränderungen der Physiog¬ 
nomie und der Bewegungen des ganzen Körpers, des Gesichts¬ 
ausdruckes und der Mimik ersehen könnte.“ — Tatsächlich 
vermag keine Methode diese zu übertreffen, weder beim Studium 
der individuellen Psychologie noch der Psychologie der Menge, 
der menschlichen Massen. Dies wäre das wahre lebendige Do¬ 
kument, das Jahrhunderte überdauert und der Menschheit stets 
vor Augen führen wird, in welchem psychologischen Zustand 
sich eine bestimmte Menge, ein bestimmtes Individuum in den 
mannigfachsten Lebensumständen befunden hat. Die Momentpho¬ 
tographie hat allerdings in der Psychologie einen Wert, der aber 
gewiss im Vergleich zur Kinematographie ein sehr begrenzter ist. 
Der französische Chirurg Doyen benutzte den Kinemato- 
graph, wie Kutner erzählt, zur Kontrolle seiner eigenen Tätigkeit. 
„Doyen teilte mir mit, dass er insofern von seinem Kinematogra- 
ohen viel gelernt hat, als er sich durch die Aufnahmen überzeugt 
nätte, wieviel überflüssige Bewegungen man als Operateur mache 
und in wie hohem Masse man hierdurch die Zeit der Operationen 
unnütz verlängere. Indem er durch immer wiederholte Aufnahmen 
derselben Operation sich einer scharfen Kontrolle unterzog und 
durch Abgewöhnung der überflüssigen Bewegungen die Zeit 
verkürzte, habe er sich selbst zu einer strengen Oekonomie der 
chirurgischen Technik erzogen.“ — In gleicher Weise kann der 
Kinematograph in allen den Zweigen der menschlichen Tätigkeit 
von Nutzen sein, bei denen es einer technischen Ausbildung be¬ 
darf. Dies gilt für das Gebiet der reinen und angewandten Bio¬ 
logie, der Mechanik, Ballistik usw., kurz überall, wo mehr oder min¬ 
der komplizierte techn. Operationen ausgeführt werden müssen. 
Auf experimentalpsychologischem Gebiete hat Rudolf 
Schulze in Leipzig im Institut für experimentelle Pädagogik 
und Psychologie mit Hilfe des Film den Gesichtsausdruck von 
Kindern beim Betrachten verschiedener Bilder, beim Erzählen 
usw. studiert (,vgl. die beiden Tafeln in „Neue Bahnen“ 25, 403, 
1914). Die psychologischen Aufnahmen an der Harvard-Univer¬ 
sität, die Prof. Münsterberg veranstaltete, dienten nicht aus¬ 
schliesslich wissenschaftlichen, sondern auch praktischen Zwe¬ 
cken, nämlich zur Prüfung. 
Heute ist der Kinematograph fast in allen bedeutenden me¬ 
dizinischen und chirurgischen Kliniken, sowie Krankenhäusern 
der ganzen Welt zu finden, wo er zur Unterrichtung der Studenten 
und zur Ausbildung der Lehrer dient.
        

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