Bauhaus-Universität Weimar

Das Phänomen der Einheit liegt ferner überhaupt schon darin, 
daß ein Kontinuum der Tonbewegung statt einer Tonsumme vor¬ 
liegt. Noch so gründliche Beschreibung kann die Vorgänge höch¬ 
stens zum Bewußtsein bringen, allenfalls auch das Gefühl für sie 
steigern, aber nicht erwecken; sie gehören zünden ursprünglichen 
Erlebnisformen, für die die rationale Erklärung versagt. Diese 
EinheitsWirkung ist es auch, die alle Einzelmomente gleich in 
ihrem Aufklingen zueinander in Beziehung setzt. Somit genügt 
es längst nicht zu sagen, die Melodie sei mehr und etwas anderes 
als eine Summe von Tönen; sie ist auch mehr als eine Summe aller 
Intervalle und sonstigen Teilvorgänge1). 
Nur äußerlich stellt sich die melodische Einheitsstrebung wie 
eine Zusammenraffung von Teilelementen dar; streng genommen 
ist das nicht der Fall, die Einheit ist, wenigstens auf gewisse Strek- 
ken, das Ursprüngliche, die „Gestalt“. Für den nachträglich sich¬ 
tenden Verstand erscheint sie in zeitliche Abfolge auseinander¬ 
gelegt, ihr psychisch-irrationaler Ursprung ist aber die Einheit 
einer Spannkraft. Sie erstreckt sich zunächst über kürzere Aus¬ 
dehnung; darüber hinaus wäre es ebenso falsch, nur Zusammen- 
stückung von Motiven zu sehen; einerlei ob zwischen ihnen, des¬ 
gleichen zwischen längeren Melodieteilen und schließlich ganzen 
Perioden die Absätze deutlich oder verborgen sind, sie bedeuten 
keine volle Ruhe, solange nicht eine Melodie ihren vollen Schluß 
gefunden hat. Bis dahin ist sie Zusammenhang, in einem geweite¬ 
ten Sinne Einheit. Auf größere Strecken lockert sie sich, es tritt 
immer mehr der zeitliche Auseinanderfall hervor; und dennoch 
durchzieht ihn, wenn auch immer schwächer spürbar, jene Einheits¬ 
strebung; man spricht nicht umsonst von einem „Einheitswurf“. 
Der beste Prüfstein für Erfindungskraft ist, ob einen ein Satz 
vor seinem Ende „entläßt“. Auch das Hauptmerkmal des großen 
Harmonikers ist das Vor- und Zurückhören, das selbst die kühn¬ 
sten Tonartswendungen nicht dem Zufall überläßt und weit über¬ 
spannend stets bestimmte Tonartsziele vor Augen hat; ähnlich 
„hört“ der Polyphoniker bei allen Verwicklungen die Entspan¬ 
nungen voraus, wodurch sie erst zu Ereignissen werden. Intellekt 
1) In alledem beruht ferner die Gliederungsmöglichkeit, aber auch das 
Gliederungsbedürfnis. Andrerseits vermag sich die melodische Gestaltung 
auf lange Strecken als ein Kontinuum zu entwickeln, das volle Einschnitte 
nicht erträgt. 
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