Bauhaus-Universität Weimar

das sind Annahmen eines zusammenhängenden Prinzips, das an 
der Erfahrung erprobt wird und ihr standhalten muß, um nicht 
wissenschaftliche Phantastik zu sein. Diese Annahme geht also 
schon von einzelnen Erfahrungen aus, greift aber weiteren kon¬ 
struktiv vor; denn sie baut aus wissenschaftlicher Intuition den 
ganzen Zusammenhang auf, der erst weiterer empirischer Belege 
bedarf, ob die einzelnen Erfahrungstatsachen damit auch tragfähig 
umspannt sind. Die Hypothese ist eine erklärende (und selbst 
wieder philosophisch abzustützende) Annahme, die gerade da ein¬ 
setzt, wo die Dinge eines Untergrunds bedürfen, der sich sonst in 
einen Abgrund zu verlieren schiene. Mit Hypothesen (wörtlich 
„Unterlegungen“) muß, wie schon die Antike wußte, jegliche 
Wissenschaft operieren, und damit bekennt sie zwar eine Ein¬ 
schränkung (nämlich gewisse Erfahrungsgrenzen), andrerseits 
spricht sie sich im Gegenteil die Kraft größerer, über den greifbaren 
Dingen stehender Erkenntnis, die Fähigkeit schöpferischer In¬ 
tuition zu. Gemeint ist also mit Hypothese die „Unterlegung“ eines 
bestimmten Gedankens, der auch das schöpferische Walten zu 
leiten scheint. Die Geschichte der Wissenschaft ist eine fort¬ 
währende Umschichtung der Grenzen, an denen die „heuristische“ 
(d. h. „finderische“) Hypothese einsetzt. 
Somit ergibt sich auch für die Musikpsychologie das Verfahren: 
sie muß erst einmal aufspüren, wo überhaupt die psychischen Er¬ 
scheinungen liegen, denn sie sind nicht immer offenbar, sondern 
stecken oft verkappt in den Musikvorgängen; dann entsteht 
die Aufgabe, die Erscheinungen zu beschreiben und schließlich sie 
zu erklären, d. h. die Bedingungen zu erfassen, aus denen sie hervor¬ 
gehen. Wir können — so wenig wie anderswo —nicht das Wesen der 
Dinge erklären, aber müssen die zusammenhängenden psychischen 
Funktionen erkennen, auf denen die Erscheinungen beruhen1). 
Das Streben, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den 
Erscheinungen zu erkennen, wie er sich in der äußeren Natur 
_ —- - f 
x) Mit Recht betont Herbert Jancke („Musikpsychologische Studien“, 
Archiv f. d. ges. Psychologie, Bd. 62, Heft 3/4,1928): „Psychologie der Musik 
ist ein nichtgemäßer Ausdruck, weil die Musik ja keine Psyche hat. Psy¬ 
chologisch untersuchen lassen sich ja nur die musikalischen Tätigkeiten, 
die Psychologie der musiktreibenden Individuen und die Entstehung ver¬ 
schiedener Wirkungen und Ausdrücke.“ 
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