Bauhaus-Universität Weimar

mich nicht in der Beobachtung zu täuschen, daß auch Einflüsse der Witte¬ 
rung, insbesondere des Feuchtigkeitsgehalts in der Luft mitspielen; Föhn 
schärft einerseits sehr die Empfindlichkeit für klare Tondifferenzen, reine 
Abstimmung, kurz das relative Gehör bis zur Überempfindlichkeit, bringt 
aber Schwankungen für das absolute, wo dies nicht sehr fest ist. 
Ferner ist oft bei Schülern ohne sonstiges absolutes Gehör zu bemerken, 
daß sie Töne aus dem vertrauten Alltag, z. B. von Kirchenglocken oder 
Hausklingeln, im Tonbewußtsein fixiert haben. Dies scheint teils auf die 
feste Haftbarkeit sehr gewohnter, besonders in die Zeit infantilen Er¬ 
wachens zurückreichender Toneindrücke zu weisen, andernteils aber auf 
das Fehlen von Hemmungen: wo jede musikalische Anstrengung, sogar 
das eigentliche Musikbewußtsein ausgeschaltet ist, da spricht eine Fähig¬ 
keit an, die sich sonst hinter kaum durch dringliche Schwierigkeiten ver¬ 
gräbt. Dennoch ist in solchen Fällen der absolute Tonsinn zweifellos vor¬ 
handen, man kann ihn von solchen Fixierungspunkten (z. B. Klingelzeichen) 
aus erwecken. Unverkennbar spielt aber in solchen Fällen auch wieder die 
Verbindung mit einer bestimmten Klangfarbe mit, die assoziativ auf den 
richtigen Ton zurückweist. Das mag auch bei der Verknüpfung mit be¬ 
stimmten Silben (Eitz’sche Tonwortmethode) mitspielen. Daß absolutes 
Gehör oft auf bestimmte Klangfarbe beschränkt ist, erwähnt auch S. Jadas¬ 
sohn („Das absolute Tonbewußtsein“, Leipzig 1899); (weitere Literatur 
s. S. 5, Anm. 3). Fr. Bösenberg („Die Analyse der Klangfarbe“, 
Leipzig 1911) behauptet sogar, absolutes Tonbewußtsein sei überhaupt auf 
die Klangfarbenempfindung zurückzuführen. Ähnlich vermutet Erwin 
Waiblinger („Zur psychologischen Begründung der Harmonielehre“, 
Archiv f. d. ges. Psychologie, 29, S. 269), es sei „nicht Höhenschätzung, 
musikalisches Augenmaß, sondern musikalischer Farbensinn (»Tonquali¬ 
tätenerkennung« bei Révész).“ Wenn dies auch sicher nicht ausschließlich 
zutrifft, so beweist es doch, wie tief und vielfältig die nunmehr gesonderten 
Merkmale von Höhe und Qualität verbunden sind und nach welch ver¬ 
schiedenen psychischen Untergründen hin schon das rein sinnliche Ton¬ 
empfinden seine Wurzeln versenkt. 
Die Tiefenschichtung des Bewußtseins. 
Vor der Betrachtung der grundlegenden Funktionen, in denen 
sich die innere Gehörswelt aufbaut, muß man sich auch ver¬ 
gegenwärtigen, daß alle diese geistigen Vorgänge in ihrer eigenen 
Entfaltung sehr verschiedene Bewußtseinsregionen durchstreichen. 
»Schon im Ton zeigte sich die psychische Welt über Gebiete aus¬ 
gebreitet, die klar greifbar in sinnlichen Erscheinungen bewußt 
werden, und solche, die mehr dem Unbewußten angehören. Man 
findet heute in der musikwissenschaftlichen Literatur die Begriffe 
„bewußt“ und „unbewußt“ vielfach zu schematisch geschieden, 
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