Bauhaus-Universität Weimar

unzähliger schöpferischer Naturen immer erst in unbestimmten 
Allgemeinbildern, in künstlerischen Spannungen kund1). Über¬ 
haupt stellen unter den psychischen Erscheinungen insbesondere 
die Gefühle eine Erlebnisganzheit dar, die als ihre besondere, ein¬ 
malige Charakteristik unmittelbar zum Ausdruck kommt2). Im 
weitesten, wieder über die Musik hinausreichenden Sinne ist schlie߬ 
lich überhaupt jede Wesenheit, aber auch jede Begebenheit mehr 
als summierte Tatsachen; und was von diesen unterscheidet, ist 
nichts Geringeres als die schöpferische Spannung, die hinter ihnen 
liegt. 
Daher ist auch für das wissenschaftliche Schauen irgendeine 
Erscheinung, z. B. ein Kunststil, nicht bloß aus der Analyse der 
Bestandteile ableitbar; da mit deren Zusammenwirken die neue, 
nur intuitiv erfaßbare Einheit einsetzt, so liegt es im Wesen einer 
wissenschaftlichen Betrachtung, daß sie neben philologisch zer¬ 
legender Eingänglichkeit auch der Intuition bedarf, die somit 
nicht irgendeinen künstlerischen Aufputz darstellt, sondern orga¬ 
nisch aus dem Wesen der Vorgänge bedingt ist3). Auch was man 
„Einstellung4 4 nennt (z. B. zu einem Kunstwerk, einer Stilbetrach¬ 
tung, phonetische Einstellung zu einer Sprache usw.), ist nichts 
als eine Bereitstellung der strukturellen Gesamtdisposition. Es 
gibt aber auch ganze Kunstrichtungen, die gerade dies Leben, das 
über alle Einzeläußerungen hinweg webt, besonders deutlich und 
wie um seiner selbst willen (teilweise sicher unbewußt) heraus¬ 
zuheben suchen, als das Geheimnisvolle, Magische, das die fa߬ 
baren Dinge wie ein transzendenter Untergrund umspannt; es 
kennzeichnet vor allem religiöse Kulturen, im Abendlande am ein¬ 
heitlichsten die Gotik, aber es ist auch Merkmal des romantischen 
Weitblicks; und sicher ist es kein Zufall, daß in der Zeit, da sich 
dieser zu berechneten Kunstprinzipien zuspitzte, auch die Lehre von 
den Komplexqualitäten, wie ihre intellektuelle Abstraktion, auf¬ 
kam. 
x) Vgl. Schiller (Brief an Goethe vom 18.3.1796), „Bei mir ist die 
Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieses 
bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemütsstimmung geht 
vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.“ 
2) Vgl. Krueger (a. a. O. S. 26 und 111); über den Stand der experimen¬ 
tellen Erforschung der Ganzheitsgefühle S. 21 ff. 
3) Auch eine echte Idee ist nie eine Summe von Ergebnissen, sondern eine 
Einheit, welche die Ergebnisse enthält ; jede intuitive Erkenntnis beruht darin. 
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