Bauhaus-Universität Weimar

nur beim zweiteiligen, sondern ebenso beim dreiteiligen Takt 
erfolgt. Er wirkt hingegen nicht so ins Große, daß nun (auf der 
Wurzel 3) Drei-, Neun-, Siebenundzwanzigtakter usw. 
entstünden. Als Konstruktion schwebte dies Aristoxenos vor, 
praktisch mögen auch künstliche Einzelfälle ersinnbar sein, die 
Natur der Psyche aber treibt nicht gegen diese Proportionen hin; 
was lehrt dies? Es weist darauf, daß die Sonderung von drei 
Schlägen etwas weniger impulsives bedeutet als der Wechsel 
von Betonung und Unbetontheit an sich, der also auch im drei¬ 
teiligen Takt eine nur zweifache Scheidung darstellt; die dabei 
vorliegende Sonderung in drei Zeiteinheiten liegt bereits, wie sich 
daraus ergibt, näher der Bewußtseinsoberfläche, der verstandes¬ 
mäßigen Sonderung; nicht mehr sie, sondern die Urscheidung in 
Schwer und Leicht wirkt über den Einzeltakt weiter ins Große 
durch den synthetischen Aufbau hindurch. Schon beim rein 
körperlichen Betonungsgefühl zeigt sich die zweiteilige Betonungs¬ 
ordnung als die primitivere1). 
Dem ist aber die (auch nur scheinbar widersprechende) Tatsache 
gegenüberzuhalten, daß sich überall in der Musik in einem all¬ 
gemeineren Sinn Symmetrieformen, die auf der Dreizahl be¬ 
ruhen, neben solchen herausbilden, die auf der Zweizahl beruhen, 
also z. B. das Schema A—B—A (wobei B einen thematisch kon¬ 
trastierenden Mittelteil bedeutet), neben dem zweiteiligen a/a. 
1) Die bereits von D. Friedr. Fasch (| 1758) ausgesprochene und von 
Riemann konsequent durchgeführte These, daß der dreiteilige Takt auf den 
zweiteiligen zurückzuleiten sei, trifft also etwas psychologisch durchaus 
richtiges. Die Geschichte widerspricht dem nur scheinbar; die mittelalter¬ 
liche Mehrstimmigkeit entwickelte erst ein dreiteiliges Grundmaß, der 
Vorbruch des zweiteiligen ist dann eines der Merkmale der „ars nova" (nach 
1300). Die Anfänge waren streng dogmatisch gebunden, und zwar wie alle 
mittelalterliche Geistigkeit sowohl an die Kirche wie an die dabei sehr 
autoritär bleibende Antike: jener entsprach die ausdrückliche Absage der 
Musik an allen weltlichen, primitiv-sinnlichen Charakter, dann vor allem 
die Anlehnung an das Trinitätsdogma mit der Allgewalt der Dreizahl; die 
Antike hingegen wies auf die alte „Modus''-Lehre im Sprachmetrum, 
das die Musik am Gegensatz von Länge und Kürze festhalten ließ; es 
waren denn auch zunächst reine Maß Verhältnisse, nicht Betonungsrhyth¬ 
men, die in der alten Dreiteiligkeit festgelegt wurden. In der Tat war das 
Vordringen zweiteiliger Mensuren auch schon ein Voranzeichen lebensvoller, 
renaissancehafter Impulse, trotzdem man sich zunächst die Betonungsunter¬ 
schiede selbst nicht gar scharf vorzustellen hat. 
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