Bauhaus-Universität Weimar

Viel wesentlicher als die Verschiedenheit der zeitlichen Eintei¬ 
lungswerte ist bei rhythmischen Kombinationen die Charak¬ 
terverschiedenheit der einzelnen Rhythmen. Man beobachte 
z. B. die wechselnde und gleichzeitige Teilung der einzelnen Takt¬ 
viertel in Quintoien und Sextolen im Adagio von Bruckners I. Sym¬ 
phonie: der Zeitunterschied ist bei solch kleinen Werten relativ 
gering, für den Charakter aber macht er soviel aus, daß die ge¬ 
ringste Abweichung von rhythmischer Genauigkeit das musika¬ 
lische Bild umstürzt. Denn auch beim Rhythmus liegt das 
Wesentliche nicht in Differenzen (absoluten Zeitunter¬ 
schieden der Töne), sondern in Proportionen (Teilungsver- 
hältnis gegenüber der Takteinheit); die Parallele zu den Tonhöhen¬ 
unterschieden liegt auf der Hand. 
Auch noch eine Parallele zu den Intervallen. Wie die verschie¬ 
denen Intervalle nämlich sind auch die einzelnen Grundrhythmen, 
die Teilung einer Takteinheit in 2, 3, 4, 5, 6, sogar 7 Viertel usw., 
vorwiegend Charakterunterschiede1); wie tief sie wurzeln, tritt 
namentlich bei Taktwechsel zutage, aber auch bis weit in die 
Symbolik hinein: welchen Wesensunterschied eine Dreiteiligkeit 
gegenüber geradem Takt darstellt, wie deutlich dies oft z. B. bei 
Textvertonungen zutagetritt, bedarf keines Hinweises; aber in 
den schlichten Einteilungsproportionen liegen Eindrücke von un¬ 
mittelbarer, nicht durch Beschreibung darstellbarer Charakteristik, 
wiederum nicht weiter ableitbare Urphänomene des musikalischen 
Empfindens, ganz gleichartig wie in den Zahlengeheimnissen, die 
den spezifischen Eindruck jedes Intervalls einschließen. 
Endlich ist noch hinsichtlich der symmetrischen Aufbau¬ 
synthesen selbst, die sich über die einzelnen Betonungen hinweg 
entfalten, eine Beobachtung psychologisch aufschlußreich und zu¬ 
gleich für die Gesetze der Verlaufsformen höchst bedeutsam; daß 
nämlich der Aufbau zu den Zwei-, Vier-, Achttaktern usw. nicht 
*) Daß 5- oder 7 teiliger Rhythmus nur eine Summierung von geraden und 
ungeraden Einheiten darstelle, (z. B. 2 + 3, 3+2, bzw. 4 + 3, 3+4) 
trifft wohl recht oft zu, dies aber zu einem Allgemeingesetz zu erheben, 
würde eine Verarmung der Musik bedeuten. Zwar ist einzuräumen, daß 
diese Rhythmen etwas von der Bestimmtheit der einfachen, der zwei- und 
dreizähligen, einbüßen, aber gerade darin ist ihr selbständiges Charakter¬ 
merkmal begründet. 
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