Bauhaus-Universität Weimar

sehr verschieden, sogar innerhalb gleichen Stiles, je nach dem Werk¬ 
charakter, Schwankungen ausgesetzt; bis Bach dringt sie ver¬ 
hältnismäßig stärker in den stilisierten Tänzen (z. B. der Suite) 
durch, mit ihr auch deutlichere Symmetrieneigung. Daß sich dann 
die Klassik in stärkstem Maße auf sie gründete, hängt nicht nur mit 
dem Zurückgreifen ihrer verjüngten Melodik (Haydn, Mozart) auf 
Tanz- und Liedcharakter zusammen, sondern viel tiefer mit der 
ganzen Geistigkeit, die sinnfällige Gliederung nach Symmetrien und 
Übersicht erstrebte. Das darf vielleicht als einer der rationali¬ 
stischen Züge der Klassik (großenteils schon der Vorklassik) be¬ 
zeichnet werden. Diese größere Sinnfälligkeit, die Verdeutlichung 
des Aufbaus von kleinsten Einheiten an, war es vor allem, die mit 
der Anlehnung an körperliches Symmetriegefühl eine Stütze, 
selbst eine Art „Versinnlichung“ fand1). Sie entspringt also einer 
geistigen Aktivität, nicht einer plötzlichen passiven Hingabe an 
körperliches Bewegungsempfinden. Mit einem inneren, geistigen 
Nachlassen hat das nicht das mindeste zu tun. 
Das fällt auch nicht zufällig in der Klassik mit der Wandlung 
zu einem Kunstausdruck zusammen, der das Subjektiv-Persönliche 
hervorkehrt. Der Rhythmus ist denn auch in starkem Maße eine 
Erscheinung der Willensenergie und ihrer Beherrschung2). Man 
*) Bülows vielzitiertes Schlagwort „Im Anfang war der Rhythmus“ ist 
ebenso richtig wie falsch, indem es nur einen Teil der Erscheinungen hervor¬ 
kehrt und überhaupt nur jenes Musikgefühl kennzeichnet, das vornehmlich 
in sinnlichen Impulsen wurzelt. Denn Bülow meinte zweifellos nicht den 
Rhythmus im weiteren Sinne jedes Bewegungsablaufs. — Es gibt auch eine 
Theorie, wonach sich der melodische Tonfall erst aus der stärkeren Betonung 
bestimmter Taktteile, also sekundär, herausgebildet habe; vgl. R. Walla- 
schek, „Anfänge der Tonkunst“ (Leipzig 1903, S. 266). Über die Be¬ 
deutung des Akzents in der Entwicklung aus den primitiven und „primär¬ 
ästhetischen“ Formen s. R. Lach (a. a. O. 260f.). 
2) Die pädagogische Einwirkung auf die Willensbildung (nicht bloß auf 
die Geistesgegenwart) ist bekannt; die umgekehrte Beobachtung, daß bei 
physischen oder nervösen Schwächungen die rhythmische Sicherheit ver¬ 
sagt, drängt sich einem Lehrer immer wieder auf (wozu namentlich in der 
Unterernährungszeit nach dem Kriege viel Gelegenheit war). Dabei fällt 
auf, daß die rhythmische Sicherheit eher nachläßt als die einmal erreichte 
Gehörsfähigkeit und die Technik, und zwar selbst bei solchen Personen, die 
stärkere rhythmische als Gehörsbegabung aufweisen. Ferner ist dabei zu 
beobachten, daß dies rhythmische Versagen weniger in einer allgemeinen 
Unsicherheit des Taktes beruht als in plöt zlichen Schwankungen, die den 
Zusammenhang durchreißen und an Angstaffekte gemahnen (einem Strau- 
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