Bauhaus-Universität Weimar

ren ; oder man kann, was noch wesentlicher wäre, im allgemeineren 
Sinne an indirekte Einwirkung der körperlichen Symmetrie auf 
rhythmische Gliederung denken. Dies alles zugegeben, erweist doch 
gerade das Beispiel von der Uhr oder vom Hämmern, daß vor 
allem ein geistig ordnender Prozeß eingreift, den die 
körperliche Einfühlung nur fördert1). 
Demgegenüber wäre die Frage aufzuwerfen, warum dann nicht 
zwischen den Betonungen der freieren, energetischen Melodie, die 
zwar anderer Art sind, aber doch auch sehr stark sein können, eine 
analoge gegenseitige Beziehung eintritt. Abgesehen davon, daß ihr 
Abstand von vornherein ungleich ist, erscheint diese Frage schon 
damit beantwortet, daß hier eben jene Betonungen untereinander 
sehr verschieden sind, indem sich erst mit den Stoßakzenten auch 
eine Gleichartigkeit entwickelt2). Aber gerade diese Gleichartig¬ 
keit ist es, die bei der periodisierten Melodie wieder ein geistiges 
Gliedern hervorruft, damit sie nicht gleichförmig wirke; darum 
bildet sich jenes System untergeordneter und übergeordneter Be¬ 
tonungspunkte heraus. Ihm liegt also eine geistige Ursache zu¬ 
grunde. Zugleich beruht diese ganze Betonungssymmetrie wieder 
in einem jener geistigen Vorgänge, bei denen auch nicht geschieden 
werden kann, wieweit sie bewußt und wieweit sie schon unbewußt 
erfolgen; daß ästhetischer Sinn beim Ordnen großer, übergreifender 
Zusammenhänge denkend beteiligt ist, erscheint ebenso klar, wie 
daß er schon instinktiv die kleinen Einheiten regelt. 
Die historischen Veränderungen hängen denn auch mit den 
tiefgreifenden Unterschieden zusammen, die gegenüber den reichen 
und viel weniger abgrenzbaren Betonungsschattierungen der freien 
Kurvendynamik eintreten. Es gab zwar immer schon Marsch- und 
Tanzmusik und Neigung zu Symmetrien in liedartigen Sätzen, deren 
Ursprung auch auf das Tanzlied zurückweist. In sehr verschie¬ 
denen, schlichten wie hochkomplizierten Formen der Kunstmusik 
können sie den mehr oder weniger überwucherten Untergrund 
bilden. Die Betonungsstärke war eben in den verschiedenen Stilen 
*) Hans Henning („Psychologie der Gegenwart“, Berlin 1925, S. 56) 
schreibt treffend, der Rhythmus sei „kein Produkt äußerer Technik, sondern 
primäre geistige Anlage“. 
2) Ferner ist hier im allgemeinen darauf zurückzuverweisen, daß dyna¬ 
mische Verlaufserscheinungen nicht zu einer Symmetrie hinstreben, vgl. 
S. 230 und 273. 
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