Bauhaus-Universität Weimar

einander überkreuzen können. Da Musik vor allem dynamisch er¬ 
lebt wird,stellt auch das letztgenannte Prinzip das ursprüngliche 
dar; aber Symmetrien können übergreifen, bis zu mehr oder 
weniger strenger Beherrschung der Verlaufsformen. Das Zusam¬ 
menwirken der beiden Prinzipe, das dabei möglich wird, gemahnt 
etwa an die doppelte Gravitation, die das harmonische Gleich¬ 
gewicht bestimmt. Derlei Überkreuzung liegt z. B. vor, wenn die 
Dreizahl (z. B. einfache „Barform“) über eine geradzahlige Sym¬ 
metrie hinweg zum Vorschein kommt, was bei zahlreichen klas¬ 
sischen Melodien leicht nachzuweisen ist1). Sehr häufig erkennt 
man z. B. auch bei Textvertonungen des 16. und 17. Jahrhunderts 
eine durch Vers und Strophe bedingte Symmetrie, die gleichwohl 
von einer auf Drei- oder Fünf- oder Siebenzahl beruhenden Dyna¬ 
mik durchstoßen ist, bald in deutlichen, bald in schwerer rekon¬ 
struierbaren Steigerungsanlagen. Hier genügt, zusammenzufassen, 
welche psychische Eigentümlichkeit und Aktivität bei derlei zum 
Vorschein kommt; es ist wieder die Fähigkeit eines Doppel¬ 
verfolgs; jedes der genannten Prinzipe neigt zu bestimmter 
Stabilisierung, und das musikalische Hören vermag darüber hinweg 
eine Stabilisierung zwischen beiderlei Tendenzen herzustellen; sie 
erst bedingt die Verlaufsform. 
Sie bedingt aber oft auch die Schwierigkeit der Formanalyse, 
die eben selbst bei klassischen Werken, sogar innerhalb der kleinen 
„Liedformen“, keineswegs mit der scheinbar so obenauf liegenden 
Betonungssymmetrie erschöpft ist; sie ist noch lange nicht das 
Formgeheimnis, das die Musiklehre des 19. Jahrhunderts hier 
enthüllt und aus rhythmischen Gesetzen abgeleitet wissen wollte. 
Andere Überkreuzungen, die nicht auf Betonungsgleichmaß be¬ 
ruhen, entstehen z. B„ wenn über verschiedene Steigerungsanlagen 
hinweg Anfang und Schluß durch gemeinsame Thematik zusam¬ 
mengeschlossen sind; denn auch das ist eine Symmetrie, in dem wei¬ 
teren Sinne wenigstens, der über gleiche Streckenmaße zu einer 
Gegenüberstellungs-Symmetrie hinausgeht. Derlei ist z. B. in 
der Vorgeschichte der Fuge zu erkennen, sobald sich diese aus dem 
Ricercar des ausgehenden 16. Jahrhunderts langsam herauszu¬ 
entwickeln beginnt: über die thematisch erst verschiedenen Teile 
greift allmählich eine thematische Vereinheitlichung, die zwischen 
*) Vgl. S. 271, Anm. 1. 
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