Bauhaus-Universität Weimar

stellen, ist gewöhnlich eine dominierende als eigentlicher Krisen¬ 
teil zu erkennen, zu dem die andern in sinnvolle Staffelung treten. 
Gewisse typische Verlaufsweisen lassen sich auch da recht oft als 
charakteristische Stilmerkmale für solch gedehnte Entspannungs¬ 
strecken herausheben. 
Auch bei den Kurven, die zu einer gedehnten Steigerung 
Zusammenwirken, bleibt es stets ein Hauptmerkmal, ob sie die 
wirkliche Krise lange hinausschieben, verhaltene Einzelansätze 
sich zu breiter Spannungsstrecke summieren. Das kann natürlich 
zur Folge haben, daß ein Melodienverlauf reich an kleinen Einzel¬ 
höhepunkten ist, denen voller Entladungscharakter gleichwohl 
fehlt. Auch darin herrschen zwischen den Grundhaltungen einzel¬ 
ner Meister oft große Unterschiede1). — Dies alles führt zu dem 
weiteren Kriterium, wie die ruhigen und kürzeren, gehetzteren 
Steigerungen untereinander verteilt sind. Es gibt Anlagen, die bis 
gegen die Hauptentladung die Steigerungen immer gedehnter er¬ 
scheinen lassen; dies ist aber nicht das Häufigste, auch nicht das 
Gegenteil: Beginn mit großen, ruhigen Bogen und stetige Ver¬ 
kürzung der Steigerungen in wachsender Hast. Beide Anlageweisen 
treten eher etwas zurück gegenüber jener lebendigen Gestaltung, 
die gedehnte und kürzere, unruhigere Bogen in wechselreiche und 
gleichwohl sinnvolle Anordnung treten läßt. 
Man erkennt schon von hier aus wieder, welch starker Gegen¬ 
drang gegen Symmetrien der Längenmaße in den Energien liegt. 
Auch wieweit dabei die einzelnen Wellen Rückleitungen aufweisen, 
oder nach ihren Höhepunkten durchrissen erscheinen, gewinnt erst 
aus dem Zusammenwirken aller Mittel seinen Sinn. Es ist nicht 
schwer, sich auch alle diese Erscheinungen von der Einzellinie auf 
die breitausströmende Polyphonie und Symphonik übertragen zu 
denken. 
Die Vorgänge der Kurvenentwicklung gewinnen hier ein neues 
i) Sie äußern sich ebenso bei reproduktiven Künstlern, so daß man 
oft auf Wiedergaben stößt, die hierin gar nicht dem innern Zug eines Werkes 
gerecht werden können; die wirklichen großen Spannungen werden nicht 
mitgemacht, Teilhöhepunkte als Entladungen mißdeutet, so daß sie 
wirkungslos verpuffen und den großen Zusammenhang zerreißen. Bruckner 
ist noch meist ein Opfer dieser Unzulänglichkeit, aber auch Bach, sogar 
Beethoven und Mozart, die viel zu sehr aus der Kleinstruktur viertaktiger 
Perioden empfunden und in zerhackten Episoden dargestellt werden. 
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