Bauhaus-Universität Weimar

bauverhältnisse treten, während sich bei den früher erwähnten 
Umdeutungsweisen nur die Beziehungen des ganzen Akkords 
nach außen hin änderten. Die Halbenharmonik ist der am 
stärksten durchgreifende Prozeß, der innerhalb eines Akkordes 
denkbar ist, die stärkste Zuspitzung des Prinzips, wonach der 
Klangreiz nur Träger von Energien ist. Ein weiteres psycholo¬ 
gisches Prinzip tritt aber damit in Erscheinung, daß man gleich¬ 
wohl die völlige Umschaltung der einzelnen Innenspannungen als 
eine harmonische EinheitsWirkung empfindet,* nicht nur als 
Zusammenstellung der Willensstrebungen in jedem Einzeltone; dem 
widerspricht nicht, daß man diese deutlich herausspüren kann* 
Stärker tritt die Farbenwirkung für sich hervor, wenn die Tonarts¬ 
verbindung auf Grund sogenannter „Rückungen“ erfolgt. Diese 
beruhen darin, daß scheinbar unvermittelt ein neuer, oft recht 
fremder Tonartsklang eintritt, der eine andere tonartliche Teil¬ 
strecke einleitet; in Wirklichkeit liegt aber gerade das den Über¬ 
gang tragende Element in der besonderen Fortschreitungswirkung, 
die mit dem plötzlich heraustretenden Klang gegeben ist und 
einen Augenblick um ihrer selbst willen hervortreten kann (unbe¬ 
schadet einer nachfolgenden rekonstruierenden Einbeziehung in 
die Haupttonart). Jener Sonderreiz ist der einer Klangfolge von 
bestimmter Spannkraft und Farbe. 
Da er dabei als spezifischer Effekt hervortritt, sind es öfter 
(namentlich nach 1800) auffälligere Fortschreitungen, die dabei 
gewählt werden; immerhin muß das nicht sein, eine spezifische 
Fortschreitungswirkung liegt auch zwischen nahe verwandten Klän¬ 
gen, und es finden sich genug Rückungseffekte recht einfacher 
Art, die nicht einmal in eine fremde Tonart führen. Im Grunde 
liegt stets auch zwischen allen Akkorden innerhalb einer Tonart 
eine Rückungswirkung, technisch besondere Bedeutung gewinnt sie 
erst, wenn sie die Selbständigkeit gewinnt, das Überspringen in 
eine Ausweichungstonart zu motivieren1). 
Es bleibt nicht zu leugnen, daß die Rückung an sich gegenüber 
den vorerwähnten Umschaltungen einen mehr mechanischen Vor- 
*) Eine solche Klangverbindung, die an sich herausdringt, ist als „abso¬ 
lute Fortschreitungswirkung“ zu bezeichnen: d. h. die Relativität einer 
bestimmten Klangfolge wird als Reizeffekt zu etwas Absolutem. 
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