Bauhaus-Universität Weimar

daß der Unterschied in der Richtung dieser Sprünge relativ 
belanglos bleibt (z. B. Quart aufwärts oder Quint abwärts), be¬ 
weist, daß in diesem Tiefenvorgang ganz andere Gesichtspunkte 
maßgebend sind als etwa melodische. 
An die Stelle der melodischen Linie tritt die gebrochene Linie, 
was sich auch in der Vorliebe für weitschrittige Zickzackbässe 
äußert. Dabei ist bekanntlich die Fundamentfortschreitung 
keineswegs mit der des Basses identisch; denn bei Akkordumkeh¬ 
rungen erklingt die Fundamentlinie oft gar nicht als wirkliche 
Stimme, sondern beruht in der unhörbaren, aber dynamisch ma߬ 
gebenden Verbindung, die man sich von einem Grundton zum 
andern zu denken hat. Soweit der Baß einfach die Fundamente 
übernimmt, erklingt damit auch deren Linie; auf große Strecken 
ist das der Fall, namentlich bei einfacher Harmonik, aber das Ge¬ 
wöhnliche ist, daß die Baßlinie zwischen den unruhig gewinkelten 
Fundamentsprüngen und melodisch (meist sekundweise) ver¬ 
laufenden Teilen wechselt1). So sind in der Klangtiefe zwei bedeut¬ 
same Kraftlinien zu unterscheiden, die sich teilweise vereinen, 
teilweise überschneiden. Indem die Fundamentlinie nicht als reale 
Stimme zu erklingen braucht, gehört sie mehr dem Unterbewußt¬ 
sein an; ihre Kraft bekundet sich aber schon darin, daß der Mu¬ 
siker auf sie die stärkste Aufmerksamkeit richtet und auch der Laie 
bei ihrer schwächlichen Gestaltung unbestimmt etwas als nicht 
geraten empfinden mag. Im Gegensatz zu den durchschnittlich 
kleineren Intervallen, aber belebteren Rhythmen der Oberstimmen, 
erscheint in der Tiefe ein eigenartiges Bild großer Bewegungen. 
Schon das weist auf psychologische Probleme, die noch nicht damit 
erschöpft sein können, daß man in der engeren Verwandtschaft 
jener Intervalle die Ursache ihres Dominierens sieht. Denn vor 
allem muß hier noch eine andere Erscheinung auffallen: auch da 
nämlich, wo der Baß nicht die Fundamentschritte selbst antönt, 
neigt sein Bild zum gleichen Prinzip der gebrochenen Linie in 
großen Schritten. Er ahmt eine Fundamentlinie nach, was ja 
theoretisch fast als ein Widerspruch erscheinen müßte, indem 
damit die wahren Fun da me nt Verhältnisse eher getrübt er- 
In Bachs Choral wechselt der Baß dieses Bild sogar meist innerhalb der 
einzelnen Verse, zuweilen mehrmals. 
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