Bauhaus-Universität Weimar

es im Gegenteil, bloß um logischer Konstruktion willen die Klänge 
in ein System zu pressen, das der Musik, wie sie sich historisch 
und praktisch entwickelte, nicht entspricht. 
Das Überstreichen der leitereigenen Klänge ist das erste Feld der 
Klangbewegung, wie die Skalenordnung Grundform der Melodie¬ 
bewegung. Aber auch praktisch vollzieht sich die Klangbewegung 
nicht in schematischem Aneinanderreihen von Nachbarakkorden, 
die sich etwa mit Nachbartönen der Melodie mitschieben würden. 
Solche bloß zu Akkorden verbreiterte Melodiebewegung wäre ein 
Prinzip, das einem Klangbande verglichen werden könnte. Aber 
weder technisch noch historisch beherrscht es die Harmonik1). Im 
sichtlich der Umkehrungssymmetrie vom ganzen Moll- zum Dur-System), 
begründete er sie damit, daß er nur Störungen der eigentlich gegebenen 
Klanglogik durch psychologische Vorgänge annahm und diese damit für 
ausschaltbar ansah. Hinsichtlich des Klangsystems lassen sich die Irr- 
tümer (vgl. auch S. 191 Anm.2) auf den gleichen Grundwiderspruch redu¬ 
zieren. Die leitereigenen Klänge werden nämlich durch ein System ersetzt, 
worin der (in C-Dur z. B. von c aufwärts, in f-Moll von c abwärts zu 
lesende) Grundklang von den beiden Dominanten umlagert ist und alle 
übrigen Akkorde nur Abweichungen (Umbildungen) dieser Hauptklänge 
darstellen. Wenn also z. B. C III (e—g—h) nur Nebentoneinstellung zu 
V (g—h—d) darstellte, so wäre der wirkliche psychologische Vorgang der 
Grundtonwirkung vom e ausgeschaltet; ebenso wenn bei C II (d—f—a) 
das d nur ein c, der Akkord also nur die IV. Stufe verträte; derlei Wirkung 
kann gewiß in einzelnen Fällen vorliegen oder auch nur mit hereinspielen, 
aber es zu generalisieren, bedeutete nicht nur eine Verarmung des klang¬ 
lichen Hörens, sondern dessen Zwangsentstellung. Die Unhaltbarkeit ginge 
allein schon daraus hervor, daß bei allen Meistern vor j ede Klangstufe sog. 
Zwischendominanten (s. S. 229) treten, die sich also in den angeführten 
Fällen klipp und klar auf e bzw. d als Grundtöne beziehen. (Dabei ergäbe 
sich noch als weiterer Widerspruch, daß vor Mollklängen (auch in Dur) gar 
nicht Zwischendominanten, sondern nur Zwischen-Subdominanten ein- 
treten müßten, was aber Riemann gar nicht annimmt, obwohl es seinem 
System logisch entspräche.) Zudem bringt jene symmetrische Umlagerung 
eines Zentraltones eine falsche Raumvorstellung in die Musik herein, und 
was als systematische Ordnung erscheint, wirft vielfach alle Ordnung um, 
weil es wesensfremde Symmetrie mit schlepp en muß. 
*) Historisch erscheint es in der Frühgeschichte der Mehrstimmigkeit, 
vor allem in der englischen „Fauxbourdon“-Technik, in Spuren auch auf 
dem Kontinent beim ersten Quintenorganum/Aber in der höher entwickelten 
Kunst unterliegt die Klangbewegung einer andern Dynamik als die Tonbewe¬ 
gung der Melodie; der deutlichere Durchbruch ist etwa seit dem 14. Jahrhun¬ 
dert zu verfolgen. Dabei ist esreizvoll zu beobachten, wienochbeidenNieder- 
länderndesl 5. Jahrhunderts die immer selbständigere Klangtechnik doch noch 
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