Bauhaus-Universität Weimar

dominiert, und solche, in denen er durch eine aufwärtsgerichtete 
Spannung überwunden ist, gibt es noch eine von anderer Tech¬ 
nik, die auch psychologisch für das ganze Dissonanzphänomen sehr 
aufschlußreich ist: die der sog. Orgelpunkte1). Die Theorie 
rechnet sie zu den Figurationsdissonanzen, weil sie mit diesen den 
nicht akkordlichen Dissonanzcharakter gemeinsam hat; aber sie 
ist in Wirklichkeit nicht Belebung, sondern Lähmung einer 
Stimme, zudem gerade in der Dissonanzart recht verschieden von 
den andern. Ihre technische Möglichkeit beruht zunächst darin, 
daß Seitenbewegung Empfindlichkeit sehr mindert. (Vgl. S. 169.) 
Diese Erscheinung wächst mit den Orgelpunkten ins Große. Dann 
aber wird gerade durch das Festliegen einer Stimme starker Drang 
zur Bewegung auf gespeichert, und das erzeugt die großen druck¬ 
haften Spannungen, zu denen natürlich auch die rein klanglichen, 
sonst ungewohnten Dissonanzreize treten. Nun gibt es aber statt 
liegender Töne auch ganze Tonfiguren, die sich unverändert 
wiederholen; in ihrer Bezeichnung als „ostinato*‘-Stimmen (meist 
im Baß) bestätigt sich schon jener Charakter einer Hemmungs¬ 
spannung, des unerfüllten, sich anstauenden Bewegungsdranges. 
Psychologisch aber weist dies auch dahin, daß wieder das gesamte 
Bewegungsbild bei solchen Figuren als Einheit wirkt (vgl. S. 90 f), 
wie sonst ein Ton, und sogar wie dieser eine Art Fundamentierungs¬ 
wirkung gewinnen kann2); denn erst jene Einheitserscheinung er- 
*) Sie bestehen darin, daß unter gewissen Bedingungen eine Stimme auf 
dem gleichen Ton verharrt, der nun zu den übrigen Harmonien nicht mehr 
paßt und doch vom Gehör in starken, eigenartigen Wirkungen ertragen 
wird. Am häufigsten und gedehntesten finden sich Orgelpunkte im Baß; 
die ältere Scheidung, die sie oberhalb des Basses als „Liegestimmen“ be- 
zeichnete, wird heute kaum mehr aufrechterhalten. Ursprünglich erkannte 
man diese Möglichkeit beim Dudelsack und zweifellos auch bei exotischen 
Volksinstrumenten mit einer Brummstimme, ehe man sie auf die Kunst¬ 
musik übertrug. Im Grunde schlummert sie schon in den dumpfen Schlag¬ 
zeugbegleitungen der primitiven Musik vieler Völker. 
2) Die Passacaglia (Chaconne) ist im Grunde eine Weitung dieser Er¬ 
scheinung, indem ein etwas längeres Motiv immer wiederholt und darüber 
ein breites Stück entfaltet wird; zwar werden da die Töne des ostinato- 
Motivs nicht mehr mit der technischen Freiheit von Orgelpunkten behandelt, 
gemeinsam mit diesen ist aber ein Element der Wirkung: daß nämlich trotz 
der kurzfristigen Wiederholung nichts Spielerisches, sondern im Gegenteil 
eine starke, meist dumpfe Spannung entsteht, die gerade den schwer¬ 
gewichtigen, feierlichen Charakter der meisten Passacagliaformen fördert. 
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