Bauhaus-Universität Weimar

dieser Art ist gering, wirkt fast „zufällig“. Schon das ist ein 
(immerhin noch primitives) Bild von der Dynamisierung des Klang¬ 
reizes; zugleich aber wieder von seiner „Materialisierung“; denn 
die Figuration zeigt, wie schon erwähnt, die Elastizität, die Auf- 
wellbarkeit des zugrundeliegenden Akkords in bewegte Form. 
Man empfindet die Fremdtöne nur als Abweichung von ihm; in 
diesem „nur“ ist die psychologische Voraussetzung enthalten, daß 
das Akkordempfinden auch auf solche Umspielungen zu dehnen ist1). 
An diesem elastischen, also in scheinbarer Materie-Eigenschaft be¬ 
ruhenden Verhalten liegt es, daß der Zusammenhalt der Töne 
nicht versagt. Doch auf die Bedeutung dieser Schein-Elastizität 
bei diesen wie auch bei den Schwere-Dissonanzen ist gleich noch 
gelegentlich ihrer Auflösungsgesetze zurückzukommen. 
Mit jenem Übergang von Bewegungs- zu Schwerewirkungen 
wurden die Dissonanzen historisch wie psychologisch zu Konzen¬ 
trationspunkten der Dynamik. Im 12. und 13. Jahrhundert 
wurden sie mehr negativ gewertet, d. h. man suchte mit ihnen 
fertig zu werden, ohne daß ihr spezifischer Klang mehr störte 
(was freilich auf eine uns noch fehlerhaft dünkende Weise geschah). 
Sobald man die Dissonanzen positiv werten lernte, rückten sie 
auch auf Haupt- und Betonungspunkte. Das Positive liegt aber 
auch nicht mehr so sehr in ihrem Klangreiz an sich, sondern darin, 
daß man ihn zum Träger dynamischer Intensität gestaltete. So 
entstand die konstruktive Dissonanz, deren Wesen darin be¬ 
ruht, daß sie in Spannungsbeziehung zur Konsonanz tritt und mit 
dieser Spannungsbeziehung weiter in den Dienst des ganzenTonarts- 
und Formzusammenhangs2). Der Gegensatz bleibt dann die „ak- 
zidentielle“ Dissonanz. 
1) Die Technik der Kunstwerke zeigt auch, daß eine solche Dehnung in 
um so höherem Maße möglich ist, je länger sich der zugrundeliegende 
Akkord hält; er kommt damit zuweilen den noch zu besprechenden Orgel¬ 
punktwirkungen nahe. 
2) Diese Umwandlung läßt sich nach Vorerscheinungen im 14. Jahr¬ 
hundert durch das 15. bis über die Mitte des 16. verfolgen. Noch im 15. 
Jahrhundert löste man viele vorhaltsartige Dissonanzen aufwärts auf. — 
Konstruktive Chromatik entstand erst nach 1600, indem die Chromatik 
des 16. Jahrhunderts (im Anschluß an antikisierende Experimente) zwar 
starke, hochinteressante Kühnheiten erreichte, aber ihre eigentliche Ein¬ 
fügung in die Tonalität erst vom gesteigerten Akkordgefühl des 17. Jahrh. 
aus gewonnen wurde. 
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