Bauhaus-Universität Weimar

konsonanten Intervallen) und bei der auflösungsartigen Dissonanz, 
der umgekehrt gerichteten Erscheinung. Jedes konsonante Intervall 
(sogar die Oktave) kann „dissonieren“, und dabei auf höchst verschie¬ 
dene Art dissonant gehört werden ; hingegen kann eine akustische 
Dissonanz (2, 7 usw.) nicht vollständig zur Konsonanz werden. 
Wohl aber kann sie sich konsonanter Wirkung nähern, und zwar 
auf zweierlei Weise, entweder im Vergleich mit viel stärkeren 
energetischen Dissonanzbildungen oder aber durch erhöhte klang¬ 
liche Verschmelzungswirkung. Doch bleibt zu* betonen, daß 
solche Wirkungen nicht völliger Konsonanz gleichkommen, und 
daß die Einwirkung des Willens, die energetische Hörveränderung, 
durchgreifender ist gegenüber Konsonanzen als gegenüber Disso¬ 
nanzen. Jene liegen gewissermaßen passiver, willenloser der musi¬ 
kalischen Aktivität offen, diese hingegen bilden selbst Widerstände, 
die schwerer zu überwänden sind; dennoch ist auch hier die ver¬ 
ändernde Einwirkung enorm1). Zudem kann man auch jedes einzelne 
konsonante Intervall so umhören, daß einer der Töne, sogar beide 
als Spannungstöne (z. B. vorhaltsartig) empfunden werden. Man 
kann ferner das gleiche Intervall so hören, daß es nach Verengung 
oder nach Ausweitung strebt usf. 
Gerade die geschichtliche Wandlung zeigt ferner, daß die 
Willensdynamik auch in ganz anderer Hinsicht die Wirkung von 
Intervallen umändern kann. Man denke z. B. an die grundsätz¬ 
liche Wirkung größerer Intervalle, etwa der Dreiklangsschritte: 
die ältere Zeit bis um 1750 empfand alle größeren Intervallbewe¬ 
gungen an sich als Steigerung gegenüber den kleinen, diatonischen 
Grundschritten; weitere Ausspannung der Melodie war Ausdruck 
größerer Anspannung (erfordert auch durchschnittlich in der 
Tongebung größere Stärke); mit dem klassischen, homophonen 
Stil empfand man aber solch größere Intervallfolgen vorwie¬ 
gend als Einmündung in ein abstillend wirkendes Akkordgefüge. 
x) Wenn also nach starken Spannungsverdichtungen doch auch Akkorde, 
die klanglich dissonieren, auflösungsartiger Wirkung nahegebracht werden, 
so ist es auch die Verschmelzung, die in der relativ spannungsärmeren 
Klangmasse stärker einsetzt. Es hängt daher engstens zusammen, daß der 
intensive Alterationsstil der Hochromantik mit gesteigerter klanglicher 
Verschmelzung zusammenfällt. Wenn man diese in noch weitergehenden 
Formen bei Debussy findet, so liegt es zum Teil auch wieder daran, daß der 
Impressionismus vielfach die Spannungen ab stillt und zu klangschwelge¬ 
rischer Gelöstheit übergeht. 
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