Bauhaus-Universität Weimar

Rangordnung für die Einzelintervalle auflöst; es hängt ganz von 
den übrigen gleichzeitigen Intervallen ab, wie stark sie verschmel¬ 
zen; was nicht hindert, einzelnen Intervallen eine besondere Eig¬ 
nung hierfür zuzusprechen. 
Ferner wird, entgegen Stumpfs Behauptung von der „Unab¬ 
änderlichkeit“, die Verschmelzung oft beeinträchtigt, wenn ein¬ 
zelne der Töne besonders stark herausdringen; noch mehr durch 
Klangfarbenunterschiede1). Auch bei großem Abstand, etwa über 
mehrere Oktaven hinaus, wird sie geringer2) (was andrerseits auch 
schon bewiese, daß sie nicht von der harmonischen Verwandtschaft 
allein abhängen kann, da sich diese bei Auseinanderlegung über noch 
so ferne Oktaven gleich bliebe). Der Abstand wird aber der Ver¬ 
schmelzung zweier Töne erst dann abträglich, wenn auch kein 
dritter Ton in den zwischenliegenden Oktaven hinzutritt; dieser 
gewinnt dann eine bindende Wirkung. Die Verschmelzung wird 
ferner beeinträchtigt durch verschiedene „Lokalisierung“ der Töne, 
d. h. wenn z. B. der eine aus der linken, der andere aus der rechten 
Ecke eines Raumes gehört wird; man empfindet dann viel stärker 
die Zweiheit statt der Einheit, sogar bei Oktavtönen. 
Schließlich bleibt zu ergänzen, daß die Verschmelzung stets 
die Mittelstimmen stärker ergreift als Randstimmen. Das kann 
nicht bloß daher rühren, daß man diesen, der Sopran- und Ba߬ 
stimme, mehr Aufmerksamkeit zuwendet und daß sie überhaupt 
noch besondere Funktionen haben; denn die Erscheinung trifft 
auch schon beim ruhenden Akkord zu, dessen Außentöne stärker 
3) Vgl. S. 151 Anm. 1. — W. Wundt (a. a. O. II. 121f.) bemerkt bereits, 
daß die schwächeren Töne mit den dominierenden leichter verschmelzen 
als die stärkeren; ferner widerspricht er ebenfalls der Behauptung Stumpfs, 
wonach die Hinzufügung weiterer Töne den Verschmelzungsgrad in keiner 
Weise beeinflussen könne. Wundt schreibt übrigens den tieferen Ton¬ 
regionen eine leichtere VerSchmelzbarkeit zu als den mittleren, was wohl 
eher fraglich ist. Die Abhängigkeit der Verschmelzung von der rela¬ 
tiven Intensität der Komponenten und den Einfluß der Lokalisation be¬ 
tont auch Osw. Külpe (a. a. O. S. 297 u. 309). — Alle diese Einwendungen 
zeigen, daß sich schon von der Tonpsychologie aus eine Angleichung an 
die musiktechnischen Erfahrungen geltend machte. 
2) Während Stumpf der Oktavenerweiterung keinen Einfluß auf den Ver¬ 
schmelzungsgrad zugesteht, betont diesen F ai st („Versuche über die Ton¬ 
verschmelzung'% Zschr. f. Psych. XV, 289). 
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