Bauhaus-Universität Weimar

daß seine Methode vielleicht nicht restlose Eindeutigkeit der Ver¬ 
schmelzungsgrade gewährleistet, sondern eher umgekehrt, daß er 
die Verschmelzung in allem zu starr festlegte. Sie ist ein Phäno¬ 
men, das zwar von gewissen, durch Stumpf richtig bestimmten 
Grundnormen ausgeht, aber auch in gewissen, theoretisch nie ge¬ 
nau bestimmbaren Grenzen labil ist. 
Nicht ganz zutreffend bleibt ferner Stumpfs Behauptung, daß 
ein Verschmelzungsverhältnis zwischen den Tönen sofort mit 
ihrem Eintritt unabänderlich gegeben sei, und daß sie nicht erst 
nachträglich ,,zusammenwachsen“. (Vgl. II. Bd., S. 129, 207, 208.) 
Richtig ist daran nur, daß der unmittelbare, sofortige Eindruck 
Grundlage des Verschmelzungsgrades ist; aber es kann in der Tat 
durch Festhalten und Wiederholen des Intervalls dem Ohr eine 
größere Verschmelzungswirkung abgewonnen werden (wobei von 
dem noch viel wesentlicheren Einfluß der dynamischen Strebungen 
zunächst noch abzusehen ist). Solche Gewöhnung an den Zusam¬ 
menklang im Sinne einer Milderung kommt nicht nur in der indi¬ 
viduellen Gehörsweise vor, sondern durchzieht die ganze Musik¬ 
geschichte : mit der Zeit werden Verschmelzungen stärker, die zu¬ 
erst geringere Grade aufwiesen. Dies scheint schon bei der ver¬ 
späteten Anerkennung von Terzen und Sexten als Konsonanzen 
mitgespielt zu haben, zeigt sich deutlich in der gesamten Vor¬ 
entwicklung des harmonischen Hörens, dann in der voll entfalteten 
Tonalität wie in ihrer romantischen Weitung, wobei das letzte 
Jahrhundert ein besonders schnelles, sogar dauernd beschleunig¬ 
tes Fortschreiten in dieser Richtung zeigt1). 
Diese Erscheinungen führen zudem wieder über die Verschmel¬ 
zung einzelner Tonpaare hinaus zu einer Verschmelzung des Inter¬ 
valls (als Ganzen) mit anderen Intervallen und Akkorden; wollte 
man nun in dieser Hinsicht auch eine Graduierungsskala aufstel¬ 
len, so entzöge sich das bereits weitgehend solcher Experimental¬ 
untersuchung, schon deshalb, weil hier noch weniger Stumpfs 
bloße Umfrage bei Unmusikalischen genügen könnte. Doch auch 
sonst müßte der Versuch einer Graduierungsskala hier bereits sehr 
erschwert sein, weil die Relativität der Wirkungen jede absolute 
1) Auch die Septimenregister bei größeren Orgeln beweisen, daß sich die 
Dissonanz stärker „zusammenschmelzen“ läßt. 
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