Bauhaus-Universität Weimar

einfach wegzuleugnen. Damit dürften auch die Physiker nicht mehr von 
Kräften sprechen, auch Wundts Apperzeptionspsychologie, die fortwährend 
mit Energien operiert, wäre eine „Wortphysik“ — man käme ins Endlose. 
(Vgl. hiezu insb. S. 104, Anm. 3). Aber nun Belege, wie man es besser 
machen müsse. 
S choie hat sie nicht vorenthalten; nachdem er z. B. als ungeheure Ver¬ 
irrung bemängelt, daß ich von „Leittonspannung“ spreche, gibt er selbst 
seine „wissenschaftlich-psychologische“ Erklärung der Leittonwirkung 
(S. 63): „In prinzipiell nicht anderer Weise reagiert (wie durchs 
Experiment bewiesen ist) auch der Hund; gewöhnt man ihn daran, 
immer nach einer Folge von optischen oder akustischen Reizen Nahrung 
zu sich zu nehmen, so sondert er bei unverhofftem Hören dieser Reize 
in erhöhtem Maße Magensaft ab, auch wenn die Nahrung vorent¬ 
halten wird. Ist der letzte der gebotenen Reize etwa ein Ton, so hatte dieser 
in gewissem Sinne auch die Funktion eines »Leittons«, der auf die 
zu erwartende Nahrung »hinführt« oder »hindrängt«, Ausdrücke, die 
vom Psychologen aus Gründen wissenschaftlicher Disziplin besser 
vermieden werden.“ — Da muß ich mich mit diesen undisziplinierten Aus¬ 
drücken allerdings geschlagen geben, zumal nach dem Zusatz von Schole: 
„Ähnlich dem enttäuschten Hunde ist uns zumute, wenn uns 
die diatonische Tonleiter nur bis zum 7. Ton, in G-Dur also 
nur bis zum h vorgesungen wird“, — was eben die Leitton Wirkung 
ergibt. (Die Sperrdrücke nicht im Original herausgehoben.) 
Weil ich darauf hinwies, daß der musikalische Bewegungszug meist zu¬ 
gunsten der klangsinnlichen Eindrücke unbewußt bleibe, so hätte ich ihn 
nach Schole in ein „okkultes Reich“ verlegt und mich „aller Kontrolle 
undNachweise durch die Wissenschaft“ entzogen; die „melodische Energie“ 
kann sich denn auch Schole nur im Bilde „durchlöcherter Kugeln auf einem 
Metalldraht“ vorstellen. Meine „Leittonspannung“ hingegen sei ein „my¬ 
thologischer Kobold“. Wer eben nicht den tragenden Zug und die Span¬ 
nungen verspürt, die wir erst in die Töne verlegen, der muß wie Schole 
überzeugt sein, der Musiktheorie besser gerecht zu werden, wenn er Ton für 
Ton nach Laboratoriumsberechnungen erklärt. Der wird auch nie be¬ 
greifen, daß es die Wissenschaftlichkeit nicht fordert, einen Kunststil wie 
den romantischen im Wortstil und nach Gesichtspunkten von Laborato¬ 
riumsberichten darzustellen, und mag sich mit Schole über die Anfangs¬ 
seiten meiner „Romantischen Harmonik“ ehrlich entrüsten. 
Daß ich übrigens weit davon entfernt bin, der experimentellen Tonpsycho¬ 
logie ihre Notwendigkeit abzusprechen (s. S. 56) und nicht „fünfzigjährige 
exakte Forschungsarbeit der wissenschaftlichen Psychologie mit Verach¬ 
tung strafe“, geht aus meinen Ausführungen zur Genüge hervor. Wenn 
Schole (der bezeichnenderweise einen Experimentier-Hund und gelegentlich 
auch Papageien ins Treffen führt) die Musik auf eine Stufe mit Reizen stellt, 
die bedingte Reflexe auslösen, so begibt er sich aus dem Gebiet der Psycho¬ 
logie in das der Physiologie, in dem ihm freilich jedes mehr als akustische 
Erleben immer fremd bleiben wird. So findet er auch aus der engsten 
akustischen Tonpsychologie nicht heraus; denn während noch seine rein 
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