Bauhaus-Universität Weimar

eine Messung der innern Spannungsvorgänge fordern, etwa auf 
Grund einer Krafteinheit in Analogie zu physikalischen Kraft¬ 
einheiten; so sehr sich jede Psychologie, die nur irgendwie Zu¬ 
sammenhang mit einer Kunst wahren will, gegen diesen bloßen 
Gedanken sträuben muß, man muß ihn schon deswegen streifen, 
weil die Forschungsrichtung der psychophysischen Wechselwirkung 
grundsätzlich auf Meßbarkeit hinzielt, wie sie etwa im Weber- 
Fechnerschen Grundgesetz einen gewissen Triumph erreichte; aber 
schon da sind es ganz andere Dinge, die gemessen werden: Reak¬ 
tionserscheinungen auf den Reiz, Schnelligkeit und Unterschieds¬ 
schwellen in der Apperzeption (vgl. S. 50), die zudem nur in ge¬ 
wissem Grade einer Meßbarkeit zugänglich sind1). Sie widerspricht 
schon stark der „Mathematik“ jener musikalischen Teildisziplin, 
die sich neben dem akustischen Grenzgebiet am ehesten in Zahlen 
verdeutlichen ließe: der Rhythmik. Selbst formale Anordnungen 
bleiben nur recht allgemein durch Zahlenverhältnisse ausdrückbar. 
Welche phantastische Mathematik täte sich aber auf, wenn man 
nur das kleinste melodische Fragment mit seinen Kurven und 
Intensitätsschwankungen ausdrücken wollte; selbst wenn einzelne 
Greifbarkeiten aus solch rechnerischer Genauigkeit der Wissen¬ 
schaft noch abfielen, sie müssen ins Ungemessene zerfließen, sobald 
man zu komplizierter Musik weiterschreitet. Dazu kommt, daß 
die strömende Einheit jedes Energieverlaufs ruckweiser Begrenzung 
widerspricht, die für jede Meßbarkeit Voraussetzung wäre. In der 
Physik kommt eben Berechenbarkeit der Kräfte zur Geltung, in 
der Musik deren unmittelbares Verspüren2). 
x) Mit Recht formuliert E. Stern („Angewandte Psychologie“, Berlin 
1921, S. 79): „Was wir wirklich genau messen können, sind eigentlich 
immer nur die körperlichen Begleiterscheinungen seelischer Vorgänge.“ 
Hievon abgesehen ist aber nichts an Külp es Satz zu rütteln, daß „Empfin¬ 
dung keine Größe“ sei („Grundriß der Psychologie“, Leipzig 1893, S. 43). 
2) Die Pythagoräer und Plato suchten den Zusammenhang zwischen 
Musik und Kosmos in gemeinsamen mathematischen Gesetzen von Ton¬ 
schwingungen und Gestirnbahnen. Diese Lehre von der „Sphärenharmonie“ 
verlegte den Zusammenhang nach außen, den man seit der romantischen 
Musikanschauung in irgendwelcher innerer Verbundenheit dei psychischen 
mit den Welt-Vorgängen sucht. Es ist aber bemerkenswert, daß auch diese 
Anschauungen sich schon bis auf die Kirchenväter zurückführen lassen. — 
Der Zusammenhang der Musik mit außermusikalischen Naturgesetzen be¬ 
schäftigt heute wieder in sehr ernsthafter Weise das Denken. Man sucht 
nicht nur mit kosmischen, sondern überhaupt mit naturkundlichen Er- 
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