Bauhaus-Universität Weimar

Charakteristik, in der sieh neuschöpferische Produktion kund¬ 
gibt1). Dabei mag man sich auch erinnern, wie einzelne Meister 
immer wieder zu bestimmten, für sie charakteristischen Linien¬ 
zügen neigen; diese schälen sich bei näherer Beachtung oft aus 
äußerlich recht verschiedenen Melodien als Untergrundsgemeinsam¬ 
keit im Persönlichkeitsausdruck heraus, der sich in gewissen Be¬ 
wegungsformen stabilisiert. 
Diese Unmittelbarkeit der Bewegungseinheit beleuchtet aber 
auch folgende Erwägung. Vergleicht man einen augenblick¬ 
lichen Ton mit einem vorherigen oder kommenden der gleichen 
Bewegungsphase, so zeichnet er sich natürlich durch größere sinn¬ 
liche Intensität aus, alles nur Vorgestellte ist blasser als der Reiz¬ 
eindruck selbst; dieser Vergleich aber wird normalerweise im Gehör 
gar nicht vollzogen ! Er weist darauf, daß unbeachtet noch ein 
weiterer Wellenverlauf, der der Intensität, vorgeht; denn es ist 
nicht allein der eben erklingende Ton intensiver, es wirkt auch der 
vor ihm verklungene noch intensiver nach als der diesem wieder 
vorangegangene usw. Eigentlich zöge sich also stetig ein Inten¬ 
sitäts-Crescendo durch den Linienverlauf, im augenblicklichen Ton 
gipfelnd; in Wirklichkeit aber wird nicht nur das überhört, es ist 
nicht einmal das geringste Hindernis für die sonstigen Crescendo- 
Diminuendovorgänge, die davon ganz unabhängig sind. Das be¬ 
weist nun, daß die Einheitsempfindung, das Bewegungsbild stets 
über die einzelnen Töne und deren Nachbilder hinausgeht. Würde 
das Hören in der sinnlichen Tonaufnahme allein beruhen, so wäre 
Gesamtbild betreffen. Derlei untersucht eingehend Erich Feuchtwanger 
(„Amusie“, Berlin 1930, S. 84 ff.). Jedenfalls bestätigt doch auch die Auf¬ 
fassung von Révész einmal von tonpsychologischer Seite, daß für die 
Musikpsychologie das Hören von Tönen noch kein Melodiehören ist ! Daß 
andrerseits der rhythmische Sinn in solchen Fällen intakt bleibt, ist nur 
ein Beweis, daß die Bewegung nicht, wie man bisher obenhin annahm, im 
Rhythmus erschöpft ist. — Ygl. auch Ferd. Alt, „Melodietaubheit u. mus. 
Falschhören“ (Wien 1906) und Siegfr. Nadel, „Zum Begriff der Musika¬ 
lität“ (Ztschr. f. Musikwiss. XI, S. 37). 
*) Die Metaphysik der Tonkunst kann nun die Frage aufwerfen, ob nicht 
jene dynamischen Strebungen, welche die Plastizität der Motive erzeu¬ 
gen, selbst Ausdruck einer unbekannten, präexistenten Form sind. Von 
solcher Hypothese aus wäre auch ihre Stabilisierungsmöglichkeit zu er¬ 
klären. 
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