Bauhaus-Universität Weimar

Grade von ihr unabhängig ist1). Selbst der Unmusikalische nimmt 
das neue Bild als „Umbildung“ des alten auf; eigentlich ist es eine 
„Umbewegung“. 
Aber auch wenn ein Motiv unverändert wiederholt wird, so 
beruht das Wiedererkennen nicht darin, daß die Anfangstöne von 
beiden Malen, dann die zweiten, dritten Töne usw. miteinander 
identifiziert werden, sondern unmittelbar das ganze Bewegungs¬ 
bild. Damit dringt für den Psychologen als Kern die Erscheinung 
heraus, daß der Bewegungszug eine psychische Realität von eige¬ 
nem Formgehalt ist, der als „Nachbild“ ein Residuum im Ge¬ 
dächtnis bildet2). 
Man kann auch beobachten, daß besonders solche Musikstücke 
im Gedächtnis weiterschaffen, bei denen sich ein bestimmtes 
Motiv viel wiederholt; dies kann dann in einer Weise „automatisch“ 
abrollen, daß es zur Qual wird. Häufig eingekerbt, gewinnen solche 
Tonbahnen nicht nur die vordem erwähnte Anziehungskraft für 
andere Gebilde, die sie gleichsam in sich hineingleiten lassen, sie 
sind auch ein Zeichen von Ermüdung, wie Alterswerke oder Kom¬ 
positionen aus nachlassenden Schaffenskurven beweisen. Das alles 
legt namentlich vom Standpunkt physiologisch orientierter Psy¬ 
chologie die Annahme nahe, daß auch wirklich an irgendeiner 
Stelle des Gehirns sich irgendwelche Ausschleifungen ergeben, wie 
man dies überhaupt von der Memoriertechnik in noch weiterem 
Maße annahm. Ob das zutrifft oder nicht, keinesfalls liegt 
der Hauptvorgang in reproduzierten Vorstellungen einzelner 
Töne, sondern einer „Form“, als die wir erst den Bewegungszug 
erfassen3); andrerseits schlummert in seinem „Bilde“ auch die 
*) Vgl. S. 26, Anm. 2. 
2) Im Hinblick auf die Ausführungen von S. 88 ist es übrigens ergänzens- 
wert, daß auch diese Erscheinung bei den impressionistischen Verschleie¬ 
rungen und Kombinationen mitspielte: wie nämlich ganze Klänge in nach¬ 
folgende noch hineingehört wurden, so erhielten sich ganze Bewegungszüge, 
Tonfiguren durch Wiederholung in neue Akkorde hinein, in kühner Weiter¬ 
bildung der alten Liegestimmentechnik. 
3) Géza Révész (a. a. O. S. 78f.) erwähnt die „Melodietaubheit“, die 
darin besteht, daß bei intaktem Gehör für Töne und Rhythmen die Melodie- 
und Harmonieauffassung vollständig verloren geht. Gegenüber Révész, 
der dies auf eine Erkrankung des akustischen Gehörs zurückführt, liegt es 
wohl näher, an Störungen zu denken, welche die Aufnahmefähigkeit für das 
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