Bauhaus-Universität Weimar

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W. Stern. 
Entschließt sie sich hierzu, so ist, um ihr wissenschaftliches Gewissen 
zu wahren, zweierlei nötig: sie darf einerseits sich selbst und die 
Öffentlichkeit nicht über die Unfertigkeit, Erprobungs- und Ver¬ 
besserungsbedürftigkeit der psychotechnischenVerfahrungsweisen hinweg¬ 
täuschen, und sie muß andererseits die unmittelbar praktische An¬ 
wendung mit ständiger methodischer Selbstbesinnung und Kontroll¬ 
arbeit begleichen. Eine solche Selbstbesinnung führt auf 6 metho¬ 
dische Gesichtspunkte. 
1. Prüfung und Beobachtung. Die experimentelle Prüfung 
allein hat Mängel, die in ihrem Wesen liegen: Abhängigkeit von 
momentanen Einflüssen, Feststellung des bloß reaktiven Verhaltens, 
bloß quantitative Bewertung — deshalb ist ihre Ergänzung durch Be¬ 
obachtung des dauernden, spontanen, qualitativen Verhaltens zu ver¬ 
langen. Hierfür dienen Beobachtungsbogen, wie sie namentlich in 
Hamburg mehrfach zu pädagogischen wie psychotechnischen Auslesen 
herangezogen worden sind. 
2. Massenprüfungen und Einzelprüfungen. Vorteile der 
Massenprüfungen: Bewältigung großer Menschenmassen, weitgehende 
quantitative Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Nachteile: Beschränkung 
auf schriftliche Leistungen, Fehlen jeglicher Individualisierung, Un¬ 
möglichkeit, den Arbeitsvorgang selbst zu verfolgen. Die individuali¬ 
sierende, mehr qualitative Einzelprüfung behält daneben ihr Hecht. 
3. Mosaik- oder Strukturprinzip. Mosaikprinzip : Zer¬ 
legung der Leistungen in einfachste Elemente, die einzeln geprüft 
werden. Strukturprinzip: Forderung einer komplexen Leistung, die 
der Struktur der natürlichen Berufsleistung entspricht. Das optimale 
Verhältnis beider Methoden ist von Fall zu Fall zu suchen. 
4. DerSymptomwertdereinzelnenPrüfungsleistung. 
Diagnostischen Wert hat eine Prüfmethodik nur dann, wenn die für 
den Einzelprüfling nötige Zahl der Wiederholungen stattfindet, aus 
der ein repräsentierender Mittelwert gezogen werden darf. Bezüglich 
des prognostischen Wertes einer Prüfung wird das Übungsproblem 
• • • • 
entscheidend werden. Wenn fortschreitende Übung starke Änderung 
der Rangplätze herbeiführt, ist die Methode nicht brauchbar. Auch 
die Ausbildung von Surrogatfunktionen kann das Bild verändern. 
5. Bewertung der Prüfungsergebnisse. Erst hinter dem 
Experiment beginnt die eigentlich psychologische Bewertungs- 
Psychologie, gehalten beim 7. Kongreß für experimentelle Psychologie in Marburg. 
Herausgegeben von Lipmann und Stern. Beiheft 29 zur Zeitschrift für an¬ 
gewandte Psychologie. S. 1—16.
        

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