Bauhaus-Universität Weimar

Ein besonderer Pall von Farbenschwäche. 
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Ein besonderer Fall von Farbenschwäche. 
Von 
K. Koffka. 
Ein Student, Herr S., der die Prüfung mit den Nagel sehen 
Tafeln in normaler Weise besteht, fiel in der Vorlesung dadurch auf, 
daß er keinen Farben-, sondern nur Helligkeits-Konstrast sah. 
Dieser Befund wurde in dem Sinn bestätigt, daß eine neutrale Farbe 
bei ihm nicht durch Kontrast in eine bunte verwandelt werden kann, 
während eine Verschiebung des Farbtons durch benachbarte Farben 
sogar besonders leicht und stark herbeigeführt werden konnte. Dafür 
sah S. überhaupt keine farbigen Nachbilder, sondern nur helle oder 
dunkle Flecke, auch wenn er in die Sonne, oder durch ein farbiges 
Glas in eine Bogenlampe blickte. S. ist weiter durch eine abnorm 
heraufgesetzte Farb-S ch w eile für alle Farben ausgezeichnet. Das 
merkwürdigste in seinem Farbensinn ist aber das folgende Verhalten : 
er sieht, mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme, um die Haupt¬ 
farben und die kontinuierlichen Töne der Schwarz-Weißreihe. Bietet 
man ihm nebeneinander zwei spektrale gleiche Felder, z. B. gelb, und 
läßt das eine schrittweise grün werden, so bleibt zunächst die Farb¬ 
gleichung zwischen den beiden Feldern erhalten, oder kann allein 
durch Helligkeitsveränderung des einen Feldes hergestellt werden; 
plötzlich jedoch tritt ein Umschlag ein, das unveränderte Feld er¬ 
scheint gelb, das andere rein grün, während es den Normalen nach 
deutlich gelb-grün aussieht. Der Umschlag ist außerordentlich scharf. 
Dies Verhalten wiederholt sich beim Übergang vom Grün zum Blau, 
bei Prüfung mit dem Farbenkreisel, auch von Blau zu Bot. Etwas 
anders verhielt sich S. im Gebiet zwischen Bot und Gelb. Geht man 
von zwei gleichen roten Feldern aus, so kann man das eine Feld ein 
Stück nach dem Gelb zu verschieben, ohne daß dadurch für S. die 
Gleichung zerstört wird, während für den Normalen die Felder sich 
schon deutlich unterscheiden; das gleiche tritt ein, wenn man umge¬ 
kehrt von Gelb gegen Bot geht. Aber der Umschlag erfolgt in anderer 
Weise als sonst: eine etwa in der Mitte zwischen Bot und Gelb ge¬ 
legene Farbe ergibt keine Gleichung mit einer von ihnen, sondern 
wird braun genannt. Wo wir Orange sehen, sieht S. also Braun, und 
das ist mehr als ein bloßer Unterschied des Namens, denn S. kennt 
überhaupt nicht das, was wir eine Qualitätenreihe nennen im Gebiet 
der bunten Farben (wohl aber in der Schwarz-Weißreihe). Die 
4 Hauptfarben und das Braun stehen unverbunden nebeneinander.
        

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