Bauhaus-Universität Weimar

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F. B. Hofmann. 
Querleitungen eine gewisse Ordnung und gegenseitige Abstimmung 
der Erregungen aufeinander zustande kommen, die nun an die Höhere 
Staffel weitergeleitet werden. Diese braucht aber die zugeleiteten 
Erregungen von der niederen Staffel nicht unverändert zu übernehmen 
und weiterzugeben, sondern kann sie ebenfalls wieder auf dem Wege 
der gegenseitigen Beeinflussung modifizieren. Damit aber noch nicht 
genug. Ich habe bezüglich der Gestaltwahrnehmungen schon auseinander- 
gesetzt (Baumsinn des Auges, S. 151 und Naturwissenschaften, 1921, 
S. 171), daß wir annehmen müssen, daß von dem Organ des Bewußt¬ 
seins her eine rückläufige Beeinflussung der niederen Zentren statt¬ 
finden muß, die es bewirkt, daß die Gestaltwahrnehmungen als solche 
fertig ins Bewußtsein eintreten, ganz in Analogie mit der allmählichen 
Mechanisierung ursprünglich mühsam erlernter komplizierter Hand¬ 
lungen. Wenn wir nun diese ganze Auffassungsweise zugrunde legen, 
so kann ich mich jetzt präziser so ausdrücken: Ich halte die elemen¬ 
taren Prozesse des Formensehens für Vorgänge, die sich in so niederen 
Zentren abspielen, daß eine direkte Beeinflussung derselben durch 
die bewußte geistige Einstellung nicht mehr möglich ist, während 
sich die Vorgänge, die zur Gestaltwahrnehmung führen, in höher 
gelegenen, durch die geistige Einstellung beeinflußbaren Zentren voll¬ 
ziehen. 
Die Annahme einer solchen Staffelung mehrerer übereinander 
geordneter Prozesse scheint aber auch auf anderen Gebieten des op¬ 
tischen Baumsinnes die Möglichkeit einer gewissen Klärung zu bieten. 
Zunächst würde die Sonderung, wie ich sie oben im ebenen Sehfeld 
für das Formensehen und die Gestaltwahrnehmung durchgeführt 
habe, auch auf das Tiefensehen übertragbar sein. Das dem Formen¬ 
sehen entsprechende, auf einer tieferen, ursprünglicheren — wie man 
gewöhnlich sagt, angeborenen — Anlage beruhende Tiefensehen würde 
durch die binokularen Tiefenempfindung dargestellt werden, die auf 
Grund der Quer disparation zustande kommt. Darüber würde aber 
dann die Tiefenwahrnehmung auf Grund empirischer Motive gelagert 
sein, welche das Ergebnis des binokularen Tiefensehens sekundär 
modifizieren kann, und die, wie besonders deutlich die umkehrbaren 
perspektivischen Zeichnungen dartun, durchaus in das Gebiet der 
Gestaltwahrnehmungen herein gehört. 
Ferner ist es wahrscheinlich, daß wir in der normalen Korre¬ 
spondenz der beiden Netzhäute wieder eine solche angeborene Anlage 
vor uns haben, während die von Schielenden erworbene „anomale 
Sehrichtungsgemeinschaft“ beider Augen einen anderen Typus dar-
        

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