Bauhaus-Universität Weimar

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D. Katz. 
IL Die Illusionen der Amputierten. 
Descartes hat mehrfach auf die Illusionen der Amputierten 
als ein Material zur Illustration der Unzuverlässigkeit der sinnlichen 
Wahrnehmung hingewiesen. Den Chirurgen ist die Erscheinung der 
Illusionen seit Paré geläufig geworden. In erschöpfenderWeise hat 
Weir Mitchell auf Grund seiner Erfahrungen im amerikanischen 
Sonderbundskriege die Illusionen beschrieben (54). Weiterhin haben 
sich französische Forscher um ihre Untersuchung verdient gemacht. 
W. James hat eine große Umfrage über die Illusionen veranstaltet, 
die ihm Antworten von 185 Amputierten brachte. Meine eigenen 
individuell durchgeführten Untersuchungen erstreckten sich auf 102 
Amputierte, die bis auf drei Beinamputierte Armamputierte gewesen 
sind (21). 
Unter der Illusion eines Amputierten versteht man bekanntlich 
das Erlebnis, das ein Amputierter von dem amputierten Glied, in 
dieser oder jener Weise modifiziert, noch längere oder kürzere Zeit 
nach dem Verlust hat. In der Pegel denkt man nur an amputierte 
Extremitäten, da bedeutet es eine wertvolle Bereicherung des Materials, 
wenn Pick darauf hinweist, daß solche Illusionen auch andere ampu¬ 
tierte Teile betreffen können, z. B. die weibliche Brust und den Penis. 
„Das ist für die psychopathologischen Fragen insofern von Bedeutung, 
als es die Berechtigung gibt, Klagen über ähnliche Störungen in 
anderen Gebieten als den Extremitäten unter dem gleichen Gesichts¬ 
punkte zu betrachten“ (35). Man verfährt bei der Untersuchung der 
Illusionen zweckmäßig so, daß man sich zunächst einen spontanen 
Bericht erstatten läßt und dann, wo es nötig erscheint, auf diesen 
oder jenen Punkt der Schilderung näher eingeht. Hecht förderlich 
für die Präzisierung der Angaben über die Lebhaftigkeit der Illusionen 
und die besonderen Beizzustände des Phantomglieds ist eine Methode, 
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die ich als Methode der Äquivalente bezeichnet habe. „Ich brachte 
am gesunden Glied Beize von der Art und Stärke an, daß der Ampu¬ 
tierte von ihm einen ähnlichen Eindruck erhielt wie von dem Phantom¬ 
glied. Die Beize bestanden in Bandagen, Klammern und anderen 
Gegenständen, durch welche Finger und Teile der Hand in der ge¬ 
eigneten Weise erregt wurden. So wurde einmal das verbliebene 
Handgelenk mit einer Binde so umschnürt, daß der Eindruck einer 
festen Manschette wie an der entsprechenden Stelle des Phantom¬ 
glieds entstand, oder es wurde mit einem Holz ein Druck auf die 
verbliebene Handfläche ausgeübt, der dem illusionsmäßig erlebten an
        

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