Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Skizzen aus der Lehranstalt für experimentelle Pathologie in Wien
Person:
Stricker, S.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39435/115/
Ill 
Die ersten Elemente, sage ich. Icli habe schon im Dienste 
des Krankenhauses Gelegenheit gehabt, auf der Abtheilung 
des Primararztes (später Professor extra-ordinarius) Ludwig 
Türk aus der Xervenpathologie etwas zu lernen; einige 
Monate hindurch habe ich sogar als Secundarius die Nerven- 
zimmer (nach der damaligen Ausdrucksweise) geführt. Aber 
wir jungen Aerzte hatten kaum eine Ahnung davon, dass 
Türk der Mann sei, von dem wir etwas lernen könnten. 
Ich habe die Nervenabtheilung de nomine als Secundarius, 
im Geiste nur als Schreiber geführt. Dass die Nerven- 
pathologie ein so überaus wichtiger Wissenszweig, dass 
Türk1) selbst der Schöpfer einer neuen Erkentniss auf diesem 
Gebiete, sei, war mir damals, 1860, nicht bekannt. Und auch 
in den späteren Jahren, da ich als Assistent der Physiologie 
und dann als Adjunct der Oppol zer’schen Klinik gedient 
habe, blieben mir die Schöpfungen Türk’s terra incognita. 
Auf einem Umwege und hauptsächlich durch die Lecture 
der Schriften von Charcot und seiner Schule habe ich in 
Aden die Wiener Publication und dann auch die Grundformen 
der Nervenkrankheiten-) kennen gelernt. Die besonders 
freundliche Gewährung von Beobachtungsmaterial in der 
Wiener Irrenanstalt und auf der psychiatrischen Klinik hat 
mich sodann zu meinen psychologischen Arbeiten veranlasst. 
Ich war also in der Pathologie nicht ganz Laie, als ich 
anfing, meine ganze Arbeitskraft dem Experiment zuzuwenden. 
Doch hatte ich aufgehört, meine Bilder aus erster Quelle zu 
schöpfen. Um so eindringlicher konnte ich mich mit der ex¬ 
perimentellen Durchleuchtung jener Grundformen beschäf¬ 
tigen, die mir geläufig waren. 
') Seine Arbeiten sind 1851 pnblicirt worden. Türk selbst bat, da es 
ihm bekannt war, dass ich auch theoretisch arbeite, schüchterne Versuche 
gemacht, mir Einiges zu demonstriren. So hat er mir seine (ungefärbten) 
Rüekenmarksschnitte ohne Mikroskop (nur gegen das Eenster gehalten) de- 
monstrirt. Ich war von dem hohen Werthe der starken Mikroskope zu sehr 
geblendet und sonst zu unerfahren, um ahnen zu können, dass ein bedeutender 
Mann auch mit geringen Hilfsmitteln Bedeutendes sehen könnte. 
2) Ein begabter Secundarius, später Privatdocent Dr. Nathan Woiss, 
hat das Material gesammelt und mich in meinen Studien unterstützt. Er war 
mein Schüler im Laboratorium, ich sein Schüler am Krankenbett.
        

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