Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber das Können und Wissen der Ärzte. Antrittsrede für das Sommer-Semester 1892
Person:
Stricker, [Salomon]
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39434/11/
11 
mentelle Theater, oder wie ich es lieber nenne, das physi¬ 
kalische Theater. 
Insoferne sich das letztgenannte Fach mit lebenden 
Thieren beschäftigt und es also ermöglicht, Vorgänge, die 
sich im Inneren des lebenden Leibes abspielen, zu beobachten, 
wird zwar dem Mangel abgeholfen, den ich früher als der 
pathologischen Anatomie anhaftend zur Sprache gebracht 
habe. Hingegen ist die experimentelle Pathologie wieder mit 
anderen Fehlern belastet. Es ist zwar richtig, dass man auch 
Thiere krank machen kann, und dass man andererseits den 
Verlauf von Thierkrankheiten beobachten kann, die ohne unser 
Zuthun auftreten. Aber die Zahl der Krankheitsformen, die 
man am Thiere hervorrufen kann, ist nur gering im Ver¬ 
gleiche zu dem Heere von Formen, welche den Menschen 
befallen. Ueberdies sind auch bei jenen Formen, welche den 
Menschen sowohl als die Hausthiere befallen, die äusseren 
Erscheinungen bei den ersteren doch ganz andere als bei den 
letzteren. Und es hiesse das Wesen des Experimentirens 
sowohl, wie der experimentellen Pathologie gründlich ver¬ 
kennen, wrnllte man sich der Meinung hingeben, dass man 
durch die Beschäftigung mit den Experimenten allein ein 
Pathologe werden könnte. 
Der heutige Stand der Physiologie, die sich nach der 
Neigung der Mehrzahl ihrer Vertreter von der Pathologie 
fernhält, gibt dafür einen klaren Beleg. Wer nicht wenigstens 
während seiner Ausbildung zum Lehrer und Forscher in ge¬ 
nügendem Masse ans den Kliniken schöpft, wird nie ein 
Pathologe.l) 
Die wesentliche Aufgabe der Experimentalpathologie 
besteht meiner Auffassung nach darin, den Verlauf und den 
causalen Zusammenhang jener Ereignisse durch die Beob¬ 
achtung klar zu legen, welche zu dem Gefüge der Krankheit 
gehören, Ereignisse, die eben am lebenden Menschen darum 
nicht zur Beobachtung gelangen können, weil sie in der Tiefe, 
in dem Inneren des menschlichen Leibes ablaufen. Worauf 
*) Ob dies auch in eben so vollem Hasse vom pathologischen Anatomen 
gilt, wage ich nicht zu behaupten.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.