Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus dem Museum IV.: Ueber die Schwierigkeiten des demonstrativen Unterrichts und seine Hilfsmittel, insonderheit über einen neuen Universal-Projektionsapparat
Person:
Kaiserling, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39431/5/
Ueber die Schwierigkeiten des demonstrativen Unterrichts etc. 105 
sam noch einmal entdeckt ist. Wer es fertig bringt, diese Ueberzeugung 
seinen Hörern einzupflanzen, sie veranlasst, sich immer wieder an die 
ihnen so widerspenstige, unverständliche Materie heranzumachen, bis eines 
Tages, scheinbar wie ein Blitz aus heiterem Himmel, das richtige Ver¬ 
ständnis kommt, der ist ein guter Lehrer und nicht der Pauker, den die 
nur von Examensfurcht angespornten Studenten aufsuchen und rühmen. 
Und warum ist das so schwer zu erreichen? Welche Gründe haben es 
veranlasst, dass, wie Virchow sagte, die Leute nicht sehen können und 
sehen lernen? Ganz allmählich und auf Grund der Studien an meinen 
Hörern bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Vorbildung, d. h. 
die Schulbildung, den Hauptfaktor des Uebels darstellt. Wo ich eine 
auffallende Fähigkeit zum wissenschaftlichen Sehen entdeckte, stellte-sich 
stets heraus, dass der Betreffende entweder leidlich gut zeichnen konnte 
oder im Vaterhause gelernt hatte, Naturobjekte genau zu betrachten 
und zu beschreiben. Meist hatten die Leute irgend eine Naturalien¬ 
sammlung, meist Käfer und Schmetterlinge, einer hatte durch Brief¬ 
markensammeln sich scharfe Beobachtung angeeignet. 
Die Schule übt vor allem das Gedächtnis. Regeln über Regeln 
werden auswendig gelernt und die Ausnahmen dazu. Sprachen, 
Geschichte, Religion, ja Mathematik ist Gedächtniswissen. Warum 
er das lernt, bleibt dem Schüler verborgen. Die Uebungen im 
Gebrauche des Verstandes werden vorwiegend an Sprachen gemacht. 
Das Wort ist das Gegebene, das, was andere dachten und schrieben, 
insbesondere wie sie es schrieben, steht absolut fest. Gegebenes, Ge¬ 
danken und Worte anderer mit dem Verstände zu erfassen, nach er¬ 
lernten Regeln zu zerpflücken und zusammenzusetzen, aber alles rein im 
Geiste, geistlos oft genug freilich, lernt der Schüler. Wenn das Studium 
noch wie vor tausend Jahren in der Auslegung der medizinischen 
Klassiker bestünde, wäre diese Vorbildung trefflich, wie sie es auch für 
andere Berufsarten sein mag. Spärlich nur, meist nur in den untersten 
Klassen, sind Spuren zu linden einer Anleitung induktiv zu arbeiten, die 
dem Menschen verliehenen Sinne zu üben, für Formen, für Mass und 
Gewicht, für Farben, Gefühl, Geruch Erinnerungsbilder zu schaffen, die 
Erscheinungsformen scharf zu analysieren und sich genaue Rechenschaft 
abzulegen und auf Grund der erhobenen Befunde ein Urteil abzugeben. 
Die Folge dieses Mangels zeigt sich bei vielen Menschen in der gele¬ 
gentlich bis zum absoluten Nullpunkt gehenden Unfähigkeit, irgend einen 
Gegenstand einigermassen so deutlich zu beschreiben, dass ein anderer
        

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